Ein Neuling und sein Sohn hören Gothic

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Posted by freshmen on 28. January 2010 - 14:24 in Rezensionen, Roter Sand

Das ist ein kleines Experiment. Mein Sohn und ich haben eigentlich mit Gothic wenig im Sinn, kennen das Computerspiel, mehr aber auch nicht. Wir hören eher den ganz bunten Strauß an Musik, von Neil Young, Moby und Antony & The Johnsons über Peter Fox, Slipknot, Prodigy und Saltatio Mortis bis hin zu Deichkind, Jamie Cullum und Keith Jarrett. Southern Rock, HipHop, ein bisschen Metal und Mittelalter, Jazz … Wenig festgelegt – und Gothic ist ein weites, unbekanntes Terrain (sieht man einmal von The Cure ab).

Rotersand mp3 Download

Rotersand - Random Is Resistance / Limited Edition (CD)

Nähern wir uns also behutsam der Musik, den neueren Alben der Szene. Wobei wir schnell festgestellt haben: die eine Richtung gibt es nicht, Gothic (wenn man das überhaupt sagen darf) ist vielfältig und gar nicht so dunkel, manchmal sogar poetisch, aber auch brachial und hart. Unsere Wahl fällt auf das deutsche Trio Rotersand. Sympathischer Name, der – und da sind wir schon verblüfft – sich direkt auf den unter Denkmalschutz stehenden, historischen Leuchtturm „Roter Sand“ in der Nordsee bezieht. Die Bandmitglieder waren von der inneren Zerrissenheit der Leuchtturmwärter fasziniert. Auf der einen Seite die tieftraurige, beklemmende Einsamkeit, wenn sie ihre Wochen draußen auf hoher See verbrachten, auf der anderen Seite die Sehnsucht nach Weite und Unabhängigkeit, wenn sie wieder auf dem Festland waren. Diese Gegensätze, diese Vielschichtigkeit und Ambivalenz bestimmt auch die Musik von Rotersand. Die Band wurde 2002 in Gelsenkirchen (liegt im Ruhrgebiet und für uns bisher nur mit Schalke 04 verbunden) von Gunther Gerl (Gun), und Rascal Nikov (Rascs) gegründet. Als drittes Mitglied stieß kurz darauf der Produzent Krischan Wesenberg hinzu. Die beiden ersteren kommen recht sympathisch rüber – wie man unschwer auf der Homepage der Band www.rotersand.net erkennt. Hier promoten die freundlichen, fast schon älteren Herren ihre Tour und laden die Fangemeinde ein, das Programm mitzubestimmen. Die Fans drei Lieder per E-Mail an rotersand@promofabrik.de schicken.

Doch zurück zur Musik. Der Stil von Rotersand? Schnelle Beats, poppige, fast kitschige Elemente, markanter Gesang, pushende Rhythmen, akustische Sequenzen, alles bunt gemischt und abwechslungsreich, eigentlich immer tanzbar. Das Internet schreibt: Der Stil von Rotersand reicht von EBM, Klassik, Pop, Indie und Techno bis hin zu Elektro, kurz Futurepop. Als wir zum Vergleich kurz bei Eurocide, Santa Hates You oder Battle Scream reinhören, wird uns schnell klar, dass wir hier eher „massentaugliches“ rausgefischt haben. Die neue Platte heißt „Random is Resistance“, Zufall ist Widerstand, und kam im Oktober auf den Markt. Der Name ist auch Programm für das neue Album. Rotersand entzieht sich der eindeutigen Einordnung, bleibt überraschend und unberechenbar. Wie heißt es in einem Interview von GFN mit dem Trio: „Dieses imaginäre, uns beherrschende Medien- und Kommerzsystem fürchtet nichts mehr als die Irregularität, den Fehler, den Zufall, das Unberechenbare, das Individuelle und darum werden Zufall, Fehler oder Individualität als Widerstand gewertet. Eine Aufforderung für uns mit Individualität, Widerstand zu leisten“. Gut gebrüllt Löwe und pure Sozialkritik der späten 60er.

RoterSand

Doch trotz aller Theorie – verpackt in kurze, knackige Texte – ist das Album wunderbar vielfältig, bedient eine Menge Geschmäcker und bleibt eine Einheit, zusammengehalten vom typischen Gesang von Rascal und der elektronischen Soundästhetik. Wir hören akustische Gitarrenklänge und puren Gesang (Yes we care, für uns eine Hommage an Pink Floyd), treibende Beats und verzerrte Stimmen (Bastards Sreaming), eine viel zu fröhliche, beschwingte Nummer für einen tieftraurigen Text (Waiting to be born), melodisch komplexere Kompositionen (We will kill them all), tanzbare Rhythmen mit einem sehr markanten Sprechgesang (A number and a Name). „Random is Resistance“ bietet viele gute Songs und ist für uns eine ideale Platte, in die Gothic-Musik einzutauchen.

Unsere Bewertung (1-10)
Ganze 7 Freshmen-Punkte (wir sind ja noch am Anfang)

Gerne nehmen wir übrigens Tipps von Gothic-Kennern entgegen. Wer will, kann uns seine Top-Ten schicken oder uns ein Album für unsere nächste freshmen-Besprechung empfehlen. Wir freuen uns darauf

Comments

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Gast on 23. May 2010 - 19:53
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pure Sozialkritik der späten 60er

ist schon irgendwie interessant, dass Inhalte einerseits offenbar nur (noch) nach Zuordnungsbegriffen sortiert werden und sich andererseits eine so genannte Gothic-Szene treuherzig einredet, es ginge ihr mit ihrer grotesk einfältigen Selbstdarstellung um Sozialkritik.

Luscinia on 18. February 2010 - 17:06
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Ich finde diese Rezension

Ich finde diese Rezension außergewöhnlich und sehr gut geschrieben!
Da gefällt mir das Album gleich noch viel besser ;)

Gast on 17. February 2010 - 17:54
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Ich finde die Rezension

Ich finde die Rezension außergewöhnlich und echt mal richtig gut gemacht!

schwarzmeister on 10. February 2010 - 16:02
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Begriff hin oder her

Also ich finde, es ist kein Weltuntergang. Ich freue ich, dass die beiden so viel Interesse und Offenheit mitbringen und in Ihrer Freizeit Rezis schreiben.

Andere lassen sich Promomaterial geben und melden sich dann nicht mehr...

Dann lieber eine falsche Kategorisierung der Stilrichtung!

gnark on 10. February 2010 - 13:16
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die aussage "gothic-musik"

die aussage "gothic-musik" ist aber komplett falsch und verzerrt das gezeichnete bild total. zumindest über grobe begrifflichkeiten sollte man sich informiert haben und gerade im szenekontext ist so etwas mehr als ein lapsus.

schwarzmeister on 10. February 2010 - 12:03
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@gnark

Der Makel ist doch verzeihbar. Die beiden arbeiten sich ja gerade erst ins Thema ein. Du kannst sicher sein, dass die beiden auch echten Gothic Rock bekommen werden.

gnark on 10. February 2010 - 11:42
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euer Artikel hat nur einen

euer Artikel hat nur einen einzigen, aber zentralen Makel: Rotersand machen keinen "Goth" bzw. "Gothic" und zwar ganz und gar nicht.

Auch wenn ich kein Fan von Wikipedia bin, empfehle ich mal folgenden Artikel: http://en.wikipedia.org/wiki/Gothic_rock

darkload on 3. February 2010 - 12:07
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So stellt man sich...

...doch mal ne ordentliche Rezi vor. Denn hier werden zum einen Dinge auf den Punkt gebracht, die man in der Szene ungern sagen würde oder hören will.
Z.Bsp. Stickwort: "...fast kitschige Elemente..." liest man ja eher selten in einer Szene-Rezi, diese Schlußvolgerung ist aber irgendwie logisch, denn solch Elemte hört man in anderen Musikrichtungen seit Jahren nicht mehr.

Obwohl ich kein Futurepop-Fan oder ein Freund von "...fast kitschigen Elementen..." bin, hat mich die Bewertung der Scheibe dennoch neugierig gemacht, diese auch mal komplett durch zu hören.

Daher würde ich sagen: "Experiment gelungen...!"

schwarzmeister on 29. January 2010 - 15:35
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Danke

Ich kann mich Schwarzkuttenträger nur anschließen. Sozialkritik gehört einfach dazu.
Es ist doch herrlich zu sehen, dass gerade dieser Punkt schon bei der ersten "Gothic"-Scheibe erkannt wird. Darüber freue ich mich sehr.

Schwarzkuttenträger on 29. January 2010 - 0:06
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Top!

Sehr schöne Rezension, gut recherchiert und eine wunderbar objektive Meinung gebildet. Bin erstaunt wie gut das bewertet wurde.

Nach der Rezension würd ichs mir glatt kaufen, wobei die Sozialkritik bei Rotersand nichts neues ist und in einer normalen Goth Rezension wohl kaum so hervorgehoben werden würde. Da diese Sozialkritk einfach für die Szene typisch ist.

Aber da erkennt man schon einige Unterschiede zu den üblichen Rezensionen.

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