Mensch, waren das noch Zeiten als ich Radiosendungen produzierte. Jetzt werde ich auch noch durch den offiziellen Presse- / Promotiontext des neuen Albums von Centhron dahingehend erinnert. Wurde doch Radio Dunkelschall direkt zu Beginn des Textes zitiert. Da sieht man mal wie schnell die Zeit vergeht. Ich kann mich noch sehr gut daran erinnern – weiss allerdings nicht mehr genau zu welcher Zeit es war – als ich Centhron das erste mal hörte. Als nicht Electrofreak, aber DJ und Radiomoderator gefiel mir diese Art von Unvoreingenommenheit in deren Stücken. Und dann werden einige Jahre später noch meine Worte für Promotion- und Werbezwecke zitiert. Coole Sache das, deshalb musste ich mich natürlich nun daran machen, auch hier eine Rezension zu schreiben.
Wir schreiben also nun das Jahr 2009 und der dritte Longplayer der Gruppe Centhron erschien Ende Mai, endlich unter einem namenhaften Electrolabel und nicht mehr in Eigenregie. Schliesslich sind Musiker von Natur aus faul, wenn es darum geht keine Musik zu machen.
Lange ist es also schon her, als die im Jahre 2001 entstandene Electrocombo Centhron mit ihrem Album „Gottwerk“ 2006 nicht nur die Massen auf den Tanzflächen begeisterten. Die internationale Electroszene war plötzlich hellhörig geworden und wartete nun ganze drei Jahre bis zum nächsten elektronischen Höllenwerk „Roter Stern“.
In dieser schnell lebigen Musikwelt passiert innerhalb dieser Zeit allerdings sehr viel. So gibt es mittlerweile zahlreiche Electroacts, die sich etabliert haben und neu auf den Markt geschmissen werden. Die Industrialszene ist mittlerweile von den unzähligen Bands erdrückt worden und mit ihrem dritten Werk wollten es Centhron allen zeigen, dem weisen Spruch „Alle guten Dinge sind drei“ Folge zu leisten. Allerdings ist es ihnen nicht annähernd gelungen an ihren Vorgänger Gottwerk heranzukommen.
Aber nun einmal näher zum Album bzw. den einzelnen Songs:
Beginnt der Silberling noch recht vielversprechend mit einem schönen Intro und klassischen Clubbeats des ersten Tracks WK III, wird mir sogleich schnell unwohl, wenn ich diese mittlerweile ausgenudelten, verzerrten Gesamgstimmen höre. Der Beat des Songs lässt wieder ordentlich das Tanzbein schwingen und die nötigen Lufthol-Pausen werden auch gleich mit Sprachsamples gelungen eingebracht. Aber dennoch fehlt mir die Neuigkeit bei der gesamten Electroszene. Gibt es die überhaupt? Gibt es mittlerweile keinen Wandel mehr? Ich frage mich, warum unbedingt immer wieder diese elendigen Verzerrungen von den Electroacts in den Gesang eingebaut werden. Elmar schreit überaus kräftig, so dass seine Stimmbänder sicherlich mit E-Gitarrensaiten zu vergleichen wären und somit keine Verzerrung mehr nötig wäre.
Beim zweiten Track Bitch of dreams wird mir schon ein wenig langweilig. Immer wieder dieselben Synthflächen und -spielereien. Wenn einem Electrojünger jetzt schon die Lunge ausgepumpt ist und die Schweissperlen sich zum Ozean verwandelt haben, wird er sich trotz immer weiter laufenden guten Beats bereits an den Strand legen. Neben den clubbigen Drums gefällt mir hier die angenehm, erotischklingende Frauenstimme sehr, die irgendwie so gar nicht in das Stück passt und doch wieder erholsam zum Luftholen anregt. Oder wozu auch immer...darauf gehe ich jetzt nicht näher ein.
Mit Dreckstück kommt dann auch, was kaum zu erwarten war, eher ein ruhiger Song daher, wenn man bei Centhron von ruhig reden kann. Allerdings frage ich mich bei diesem Stück wieder einmal, ob es bei allen Electroacts nur um die sogenannte, wahrscheinlich schönste Sache der Welt – SEX – geht. Wir wissen, dass in der Werbung nur eines zählt, nämlich SEX SALES, aber in der Musik muss es doch nicht auch noch dauerhaft sein. Electro und SEX, warum immer diese Kraftausdrücke etc.? Okay, lassen wir das.
Mit Orkan kommt wieder ein clubtauglicher Song daher, der sicherlich vielen das Blut in den Vehnen zum Beben bringt, passt mal wieder wie die Faust aufs Auge. Aber auch hier bekommt der Hörer wieder die alltägliche Sexlust der Electroacts mit diversen Begriffen zu hören, was sich irgendwie durch die ganze Langrille zieht. Schnelle Beats und die allgegenwertigen Sprachsamples lassen also kaum einen Clubbesucher ruhig sitzen.
Sphären von Ost bringt mich wieder in die Langeweile zurück und auch hier heisst es wieder SEX rules...na super! Jendefalls wippt mein linker Fuss doch noch eine Weile mit.
Mit Cleopatra kommt wieder ein experimentelleres Stück, welches mich wieder zum Zappeln animiert. Allein das Intro mit dem spielerisch angehauchten orientalischen Effekten hat mich aufhören lassen und lässt mich nicht mehr los. Mein Kopf wackelt wie der eines Wackeldackels im Auto bei einer Fahrt mit 180 auf der Autobahn. „Sie ist die Göttin - Sie ist die Frucht – Sie ist die Eifersucht“, ich versuche sogar mitzusingen. Gibt..s das? Ich verstehe mich nicht mehr. Wieder Electosounds, die mich unkontrollierbar machen. Liegt es daran, dass ich heutzutage als DJ viel zu viel Electro spielen muss? Ich weiss es nicht, aber Recht hat Erwin, wenn er von Cleopatra schreit. Irgendwie hat sich dieses Bild auch in meinen Geschichtsbüchern dargestellt. Da hat der Songwriter mal gut interpretiert würde ich sagen.
Wie bei fast jedem Electract folgt nun auch eine Hommage an die Urpioniere des Electros. Kraftwerk wird gekonnt beim nächsten Track Godmachine gehuldigt. Naja, sicherlich ungewollt, aber hier höre ich doch glatt diverse Parallelen heraus. Der Song ist nicht so kraftvoll wie die Vorgänger, aber gefällt vielleicht genau deshalb. Ausserdem hört man hier die compurisierte Frauenstimme wieder, die mir ja - wie bereits erwähnt - irgendwie gefällt. Ihr kennt doch alle dieses Phänomen, wenn man mit jemanden Unbekannten telefoniert hat, sieht man diese Person doch irgendwie in seinen Gedanken. Und wenn man sich dann vielleicht mal trifft, wird man entweder tierisch enttäuscht oder aber genau das Gegenteil trifft ein. Naja, deshalb lasse ich mir diese Spannung und suche nicht nach Bildern der Sängerin und Managerin auf www.centhron.com oder sonst wo...
Jetzt kommt der 8. Track Fast Blast, der mich irgendwie an die partyhungrigen Scooter erinnert. Ich weiss nicht warum, aber hier stelle ich mir gerade „des Wahnsinns entsprungenen“ H.P. Baxxter vor, der uns als Psychpath sein „Wahres Ich“ präsentieren will. Diese aneinander gereihten Synths gleichen denen von Scooter schon irgendwie.
Der Titel Kaltes Fleisch ist dann wieder ein wenig ruhiger gehalten. Man stellt fest, dass das Album eine Art Wellenform durchläuft. Bei diesem Track habe ich von den Sounds und Effekten zuerst an Welle:Erdball gedacht, bis die starkbetonten Beats sowie das verzerrte Geschrei wieder einsetzen. Der sanfte, schon fast engelsanmutende Frauengesang ist dezent in den Hintergrund gesetzt und begleitet diesen Song eine Weile. Melly Thies, die u.a. das Management der Band inne hat, spricht hier in einer Trockenheit, die mich begeistert. Und hier steht nichtmals der Sex im Vordergrund, doch tatsächlich der tote Köper eines Wesens. Ihre
Themen beherrschen Centhron schon recht gut.
Wie beim Fussball der Topstar einer Mannschaft meistens die nummer 10 trägt, so kommt auch der Titelsong des Longplayers als zehnter Track daher. Roter Stern lässt mich wieder zucken...clubartig donnern die Beats und gestrauchten Effekte in mein Inneres und lassen mich in Sphären abheben, die ich selten erreicht habe. Immer wieder schön mit kleinen effektvollen Pausen bestückt dröhnt sich der Song ins Hirn.
Testosteron, manch ein Mensch hat zu viel davon, manch einer zu wenig. Wer also das Ablum besitzt hat schon mal einen Prozentpunkt mehr, denn der nächste Titel des Albums heisst so. Er lässt mir keine Pause und hämmert weiter durch die Boxen. Der Song ist zwar im Gegensatz zu den mich mit wippen lassenden Songs eher ruhig gehalten, aber prägt sich wieder einmal gelungen in meinen Schädel. Liegt es vielleicht daran, dass ich meinen Testosteronspiegel erhöhen muss? Sicherlich nicht, aber die Themen, die sich Centhron augesucht haben, beherrschen sie schon recht gut.
Seelenflug im Rotbereich leitet so langsam das Ende des Silberlings ein. Clubbig gehalten klingen die Vocals hier kurioserweise nicht mehr so extrem verzerrt, obwohl sie es immer noch sind. Wahrscheinlich hat sich mein Gehör schon darauf eingestellt. Die Frauenstimme ziert den Song mit fast engelsgleichen, langezogenen, betörenden Tönen und doch lässt sie die tanzbara Meute nicht mehr los.
Eine Kirchenorgel klingt nun zum Intro des letzten Tracks Die Galeere um anschliessend mit marschigem Trommelwirbel weitergeführt zu werden. Orgelähnliche Klänge häufen sich nun und irgendwie habe ich das Bild von der Holzpuppe mit der langen Nase im Kopf. Diese Töne lassen einen pompösen Schlussakt erhoffen und man wartet gespannt auf das, was da noch passieren kann. Ich stelle mir Geige, Cello, Paukenschläge, gepaart mit der dunkeldüsteren Stimme des Satans vor, die uns warnend das Ende der Welt vorhersagt. Nicht gesungen oder geschrien sondern fordernd daher gesprochen, viel dunkler wie der Sprachsample im ersten Stück. Stattdessen höre ich hier nur - einläutend zum Ende - einen dezent gehaltenen, chorähnlichen Gesang. Da habe ich mir aber viel mehr erhofft...aber das liegt vielleicht daran, dass ich eine viel zu blühende Phantasie besitze...
FAZIT:
Die immer wieder auftauchende Frauenstimme birgt einen guten Kontrast zu den verzerrten Gesängen und hebt die Produktion damit enorm an. Allerdings vermisse ich eine gewisse Steigerung in diesem Album. Wie bereits in meiner Einleitung angekündigt, gibt es viel zu viele solcher Acts in diesem Genre, so dass ich hier nur ein Mittelmass erkennen konnte. Für mich bleiben aktuell die Electrogötter einfach Agonoize, die mit ihren billigen Texten, gepaart mit den richtigen Beats für gute Stimmung auf der Tanze sorgen. Aber trotzdem gibt es von meiner Seite aus noch ein paar Anspieltips. Die Songs Testosteron, Cleopatra und Seelenflug in Rot haben mir sehr gut gefallen. Der eine oder andere Song landet sicherlich auch mal auf einer meiner Parties im Player...
So long, Euer Luke J.B. Rafka
Trackliste:
01. WK III
02. Bitch of dreams
03. Dreckstück
04. Orkan
05. Sphären von Ost
06. Cleopatra
07. Godmachine
08. Fast Blast
09. Kaltes Fleisch
10. Roter Stern
11. Testosteron
12. Seelenflug im Rotbereich
13. Die Galeere
Band-Mitglieder:
Elmar Schmidt: Vocals, Programming, Synthies, Samples
Melly Thies: Female Vocals (Management)
Stefan Thies: Bass
Anette Schmidt: Live Synthies, Light
+ Jörg Herrmann: Programming, Samples
Gründungsjahr:
2001
Luke J.B. Rafka
www.myspace.com/lukejbrafka
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