Musiker und Produzent Lennart aka Roman Bichler über die Entstehung des neuen Genres "Popumentary" und die Hintergründe.
Frage: Lennart, wie kommt ein Normalbürger auf das komplexe Thema einer "Popumentary"?
Lennart: Seit nunmehr fünfzehn Jahren produziere ich Musik. Schon immer hatte ich das latente Bedürfnis, dem Ganzen einen tieferen Sinn zu geben. Wollte Leuten etwas beibringen und sie von meinem Standpunkt überzeugen. Nur war mir bisher nie klar, wie und mit welchem Thema ich das anstellen sollte.
Frage: Doch dann kam der 20.03.2003 und mit ihm der Beginn des Irakkriegs.
Lennart: Ich saß beim Italiener, als der Einmarschbefehl der amerikanischen Führungsspitze verkündet wurde. In diesem Moment hatte ich das dringende Bedürfnis Nein zu schreien. Nein zu dem Einmarschbefehl. Nein zu den Gründen, die für diesen Krieg vorgeschoben wurden. Ich bin Pazifist und habe noch nie im Zorn oder auch nur im Spaß die Hand gegen einen Mitmenschen erhoben. Vielleicht war ich deswegen so berührt. Doch ich hatte keine Stimme, kein Ausdrucksmedium, mit dem ich mir Gehör verschaffen konnte.
Frage: Also haben Sie das Thema in einer Art Konzeptalbum verarbeitet?
Lennart: Die Idee ist eigentlich nicht neu. Bob Dylan, Bono und Carlos Santana haben es ähnlich gemacht. Der Unterschied ist, dass ich das Prinzip der Wissenssendung "Welt der Wunder" damit verknüpfe. Auf einmal wollte ich keine Stellung mehr beziehen, sondern die Entscheidung dem Hörer überlassen. Meine Aufgabe war es, ihn vorher auf der emotionalen Ebene der Musik mit allen relevanten Informationen zu füttern. Frei nach dem Prinzip der Infotainment-Formate: Hör mir zu, ich unterhalte dich dabei.
Frage: Also Wissen bunt verpackt?
Lennart: Man muss die übersättigte Masse dazu bringen, dass sie wieder zuhört. Mit einer CD-ROM voll nüchternen Fakten funktioniert das nicht mehr.
Frage: Dafür aber mit "Popumentary", einem neuen Musikgenre?
Lennart: Genau. "Popumentary" ist eine Mischung aus Popmusik und Dokumentation. Bunt, emotional und interessant. Vom Aufbau her vergleichbar mit Michael Moores "Bowling for Columbine". Geballtes Wissen mit Unterhaltungsfaktor. In einem Moment urkomisch, im anderen zum Heulen traurig. Der Gedanke ans Ausschalten kommt gar nicht erst auf.
Frage: Was steht auf der Doppel-CD im Vordergrund: Wissen oder Musik?
Lennart: Es ist eine Mixtur aus beidem, ähnlich einem Themenabend im Radio. Man kann bewusst zuhören oder nebenbei entspannen. Eine Anmoderation vermittelt das Hintergrundwissen, die Songs selbst bedienen mit Fakten und O-Tönen die emotionale Ebene.
Frage: Welche Themengebiete werden angesprochen?
Lennart: Die verschiedenen Facetten des Irakkriegs. Ein Kaleidoskop der Ursachen, der Beteiligten und der Rolle der Medienmaschinerie. Ein großes Thema ist die Achse zwischen Elftem September und Irakkrieg. Dabei lassen wir auch die Opfer zu Wort kommen.
Frage: Erfährt der Hörer neue Dinge?
Lennart: Ja und nein. Ich erhebe nicht den Anspruch, geheime Sachverhalte zu veröffentlichen. Vielmehr habe ich die relevanten Stichpunkte gebündelt und zusammengefasst. Denn wir leben in einem chaotischen Informationszeitalter, das uns mit News überflutet.
Frage: Wie gestaltete sich Ihre Recherche?
Lennart: Über einen Zeitraum von drei Monaten habe ich das Internet durchforstet und mit Militärhistorikern, Kriegsberichterstattern und Irakern gesprochen. Mir war wichtig, jegliche Falschinformation auszumerzen und Infos aus erster Hand zu bekommen.
Frage: Hat Ihnen Ihre Erfahrung als Produktionsleiter bei "Welt der Wunder" dabei geholfen?
Lennart: Klar: Ich wollte Wissen in ein Unterhaltungsformat packen. Privatfernsehen ist eigentlich Pop, will nur unterhalten. "Welt der Wunder" schafft es, trotzdem Wissen zu vermitteln. Nach demselben Prinzip wollte ich meine Message in die Popmusik einbringen.
Frage: Wie kamen Sie dann zu "Stein Music"?
Lennart: Zuerst produzierte ich die Platte aus eigenen Mitteln. Für mich selbst, für die Sache an sich und für die Leute auf der Straße. Die Begeisterung der mitwirkenden Musiker war so groß, dass sie auf einen Großteil der Gage verzichteten. Erst später kam es über eine Bekannte zum ersten Kontakt mit Markus Ullrich.
Frage: Merkt man der Platte diese Begeisterung an?
Lennart: Definitiv. Zwei arabische Musiker haben zum Beispiel extra für die Platte den Song "Inte Ween" geschrieben. Es war ihr dringendes Bedürfnis, ihren Teil beizutragen und von den Zuständen in ihrer Heimat zu berichten. Abu Hassan ist in Deutschland eine arabische Trommelkoryphäe und hat von Bauchtanzbands bis hin zu Popmusik alles gemacht. Alaa Karim ist ein irakischer Sänger, der zu seinem Heimatland noch immer tiefe Zuneigung verspürt.
Frage: Welche anderen Musiker wurden engagiert?
Lennart: Die ersten vier Monate saß ich alleine an einem Laptop, entwickelte das Konzept und spielte Drums und Keyboardspuren ein. Danach gaben sich Sänger, Musiker und Toningenieure die Klinke in die Hand und arbeiteten weitere fünf Monate auf Hochtouren. Insgesamt über dreißig Leute.
Frage: Offenbar hat es sich gelohnt: Mit "Just A Bomb" ist nun sogar die erste Singleauskopplung geplant.
Lennart: Richtig. Sänger dieses New Metal Stückes ist Andi Metzke, Frontman der Münchner Band "Heptaphobics". Seine brechend-laute Stimme klingt wie das erbarmungslose Fallen einer Bombe. Über das Internet wurde ich auf ihn aufmerksam.
Frage: Wie aber schaffen Sie es, Metal mit anderen Musikstilen zu kombinieren und trotzdem ein einheitliches Ganzes zu erhalten?
Lennart: Ich habe darauf geachtet, dass der Klangteppich trotz stilistischer Unterschiede gleich bleibt. Ähnlich einem Maler, der nur harmonierende
Farben auf seiner Palette zulässt. "Just a Bomb" ist also kein lupenreiner Metal, sondern spielt mit dem Genre. Genauso die anderen Songs: Elektronische Popelemente als Basis, der Rest ist Variation. Thomas Hoffmann arbeitete am Sounddesign, ich fungierte als Supervisor.
Frage: Welche Qualifikationen haben Sie außer "Welt der Wunder" noch vorzuweisen?
Lennart: Früher habe ich stupiden Psycholdelic-Rock gespielt. Laut, unverschämt und unkoordiniert. Aber die Kommunikation mit der Band hat nie funktioniert. Dann habe ich angefangen, Studioprojekte zu machen und mit vielen kleineren Bands zusammenzuarbeiten. Bei Deutschlands Tonguru Uli Eisner und Florian Oestreicher absolvierte ich dann eine vierjährige Ausbildung zum Tonmeister. Seit 1999 habe ich dann mit zahlreichen Auftragsarbeiten wie Werbejingles für Hewlett Packard mein technisches Wissen vertieft.
Frage: Das Endprodukt kann sich sehen lassen. Wen soll die Platte jetzt ansprechen?
Lennart: Jeden von sechzehn bis sechzig Jahren. Die Platte ist Pop genug, um jedem zu gefallen. Erhältlich ist "Popumentary: Friendly Fire" im Buchhandel oder über klassische Internetplattformen.
Frage: Hätte es die Platte ohne Ihre Erfahrung bei "Welt der Wunder" nie gegeben?
Lennart: Ich bin davon überzeugt, dass alles im Leben einen bestimmten Sinn hat. Mit Popumentary bin ich nun an einem Punkt angelangt, den ich die nächsten Jahre konsequent weiterverfolgen möchte. Was ich unter dem Namen Lennart ausspucke, werden auch in Zukunft Popumentaries sein. Die nächsten Themen sind bereits in Arbeit.
Frage: Um was genau geht es?
Lennart: Das nächste Album entsteht in Zusammenarbeit mit "Amnesty International" und behandelt die Todesstrafe. In Planung ist auch das Thema "Globalisierung".
Weitere Informationen zu "Friendly Fire" von Lennart findet Ihr hier.
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