Die Ludder's werkeln nun schon seit fast 20 Jahren im EBM-ELECTRO-SEKTOR ordentlich mit und sorgen immer wieder für provokative Unterhaltung. Scheinbar spielend gelingt es den Friesen, sich aus dem eigenen übermächtigen Schatten als Oldschool-EBM-Legende zu lösen und mit einer frischen Mischung aus eigenen Electro-Sounds und coolem Oldschool-EBM ein neues Ludder's Kapitel aufzuschlagen.
Pünktlich zum WGT wurde das neue Album "Anonymous" released. Wer mehr darüber erfahren möchte und auch darüber wie alles begann, was so geschah und wie es mit den Ludder's nun weiter geht, dem wird das folgende Interview, welches Lucy mit den Jungs in einer lusitigen Skye-Session führte, einiges darbieten....
Lucy: Hallo TYSKE LUDDER! Herzlichen Dank, dass ihr euch Zeit nehmt, uns ein paar Fragen zu beantworten. Wie geht es euch?
Olaf: Oha, wir sind noch ziemlich durchgeritten vom WGT, sind halt schon alte Säcke und brauchen etwas länger um wieder auf Vordermann zu kommen. Ansonsten sind wir in freudiger Erwartung, wie unsere neue CD beim Publikum ankommt.
Lucy: Wann genau ist denn nun eure Gründung gewesen? Feiert ihr dieses Jahr 20jähriges Jubiläum oder erst im nächsten Jahr?
Albert: Die Geburtsstunde von Tyske Ludder war irgendwann in 1989, Olaf und ich machten schon länger zusammen Musik, allerdings eher die klassische Wave-Variante mit Gitarre, Bass, Drumcomputer und Düstergesang. Irgendwie war uns aber danach eher etwas Elektronisches zu produzieren und so wurde der erste Synth angeschafft. Wir haben dann rumexperimentiert und in 1990 richtig losgelegt. Mit einem 4-Spurgerät haben wir dann unsere ersten Tapes hergestellt und die unter die Leute gebracht. Man kann also sagen die Geburtsstunde war im Jahr 1989, die ersten Stücke sind in 1990 entstanden.
Lucy: Am Freitag hattet ihr euren Auftritt im Werk II anlässlich des WGTs. Wie lief es denn? Ward ihr zufrieden? Wie war das Publikum?
Z 67: Es war mal wieder eine fantastische Atmosphäre im Werk II, das Publikum ist mächtig gut mitgegangen und auch die neuen Anonymous-Stücke sind sehr gut angekommen. Alles in allem ein sehr runder Abend für uns. Leider haben wir im Nachhinein gehört, dass viele Leute vergeblich versucht haben, ins Werk II zu kommen, aber voll ist halt voll. Schade, aber wir sind ja noch auf dem Summer Darkness und beim M’era Luna zu sehen.
Lucy: Und nun ist es an der Zeit, euch den Lesern einmal kurz vorzustellen. Wer macht denn was bei TYSKE LUDDER?
Albert: Olaf ist sozusagen unser Mastermind. Er komponiert die Stücke vor, gibt uns die musikalischen Ideen und produziert die Stücke. Live hat er eher den unscheinbaren Part des Synthie-Mannes.
Z ist hauptsächlich für den Drumpart zuständig, gibt Anregungen, um die richtigen Beats zu setzen und mittlerweile komponiert er auch das ein oder andere Stück. Bei Live-Auftritten betätigt er sich als Live-Drummer, Shouter und gibt den stimmlichen Backroundsound.
Ich selbst bin für die gesamten Texte zuständig, gebe entweder die Themen vor oder hole mir Anregungen über zuvor ausgesuchte Samples.
Grundsätzlich hat also jeder seinen Part, wobei wir bei der endgültigen Produktion als kollektiv arbeiten, das heißt der Endmix wird von allen abgenickt, was aber natürlich nicht ohne die eine oder andere Differenz einhergeht.
Lucy: Gehen wir einmal ganz weit zurück im Geschehen. Laut eurer Biografie hattet ihr zu eurer Gründungszeit noch vor, Musik zu machen, die sich eher in die Sparten Wave und New-Romantic einordnen lässt. Könnt ihr uns erzählen, wann und wieso ihr in die EBM-Szene gewechselt seid?
Olaf: Wir drei kennen uns schon ewig, sind zusammen zur Schule gegangen. Z und ich haben schon früh zusammen Musik gemacht, zuerst Deutsch-Punk, dann New-Romantic und Wave. Irgendwann haben sich unsere Wege dann ein wenig getrennt, Z hat sich als Bio-Schlagzeuger in verschiedenen Bands betätigt und ich selbst habe zusammen mit einem Bassisten ein neues Wave-Projekt gegründet. Aus Mangel an alternativen haben wir Albert als Sänger requiriert. Es gab dann einige Live-Auftritte und auch schon die ersten Studioaufnahmen, aber irgendwie fehlte uns der richtige Kick. Der Wegzug unseres Bassisten und natürlich der Besuch eines 242-Konzertes haben uns die Entscheidung dann ziemlich einfach gemacht, in die EBM-Sparte zu wechseln, zumal wir privat immer mehr von der stetig wachsenden Szene angezogen wurden.
Lucy: TYSKE LUDDER kommt aus dem Norwegischen und bedeutet übersetzt „Deutsche Hure“. Wie seid ihr auf diesen schrägen Bandnamen gekommen?
Albert: Wir suchten einen eingängigen Namen mit historischem Hintergrund. Eine Doku über das Ende des 2. Weltkrieges in Norwegen gab uns dann den Anstoß. Frauen, die mit deutschen Landsern verkehrt hatten, wurden von den Einheimischen, wie auch in anderen Staaten Europas, kahl geschoren und durch die Straßen getrieben. Als zusätzliche Demütigung mussten sie ein Schild mit der Aufschrift „Tyske Ludder“, eben „Deutsche Hure“, tragen. Die aus diesen Verbindungen entstandenen Kinder wurden „tyskerbarn“ genannt, großteils ihren Müttern weggenommen und ihrer Identität beraubt.
Lucy: Ihr benutzt in euren Pseudonymen skandinavische Lautbuchstaben und manchmal kommt es mir in euren Songs vor, als höre ich Schwedische oder Friesische Textstellen heraus, wobei letzteres wahrscheinlicher ist. Habt ihr eine Art Vorliebe fürs Nordische?
Z 67: Wir sind bekennende Friesen und sind stolz auf unsere Geschichte. Ein freiheitsliebendes, friedfertiges Volk, dass Jahrhunderte lang erfolgreich gegen alle möglichen Invasoren seine Unabhängigkeit verteidigt aber niemals an Eroberungsfeldzügen teilgenommen hat. Daher rührt unsere Affinität zu Nordeuropa. Der Landstrich, den wir bewohnen ist für andere eher befremdlich, aber wir leben hier, weil wir es können.
Lucy: Seid wann ist eigentlich Ralf (alias „Z 67“), euer Drummer, mit dabei?
Olaf: Z ist zwischendurch immer mal wieder als musikalischer Ratgeber und Kritiker für uns tätig gewesen. Irgendwann haben wir ihn dann als Live-Drummer und Shouter mit ins Boot genommen.
Lucy: Hat sich seitdem etwas musikalisch bei euch geändert?
Albert: Eigentlich haben wir uns über die Zeit alle weiterentwickelt, das kann man nicht an einer Person festmachen, zumal Z ja bei diversen Produktionen eh schon als unser bester Kritiker dabei war.
Lucy: Von der Jahrtausendwende an bis 2006 war es sehr still um euch. Könnt ihr uns erzählen, wie es zu dieser Schaffenspause kam?
Z 67: Eine Schaffenspause hatten wir uns bereits ab 1996 nach der Creutzfeld-EP verordnet, aber um ein Gerücht mal grundsätzlich klarzustellen: Tyske Ludder sind nie im handfesten Streit auseinander gegangen, es handelte sich eher um eine private Umorientierung der Protagonisten. Uns war ziemlich schnell klar, dass der EBM-Bereich nicht den Geldsegen bringen wird, den wir in non-musikalischen Bereichen erreichen konnten. Ergo hat sich jeder von uns erstmal beruflich orientiert. Zwischendurch hatten wir auch mal den einen oder anderen Sampler-Beitrag. Unsere Rückkehr in die Szene fand dann bereits im Jahr 2003 statt, als wir uns zu einem Auftritt bei den Tremorianern in Dessau zusammengefunden haben. Natürlich haben wir dann etwas länger gebraucht, bis Sojus erscheinen konnte, bis dahin konnten wir aber noch einige Live-Auftritte absolvieren, wie z. B. unseren Festivalauftritt beim WGT in 2005. Grundsätzlich hatten wir den Kontakt zur Szene sowieso nicht verloren, wir waren aber eher als Beobachter denn als Protagonisten tätig. Im Nachhinein betrachtet, war die Entscheidung richtig, denn die Resonanz des Publikums und der Kritiker gibt uns mehr als Recht.
Lucy: Hatte das auch einen Stilwandel in Sachen Musik bei euch zur Folge? Laut eurem Info-Text könnte man meinen, euer Sound wäre vorher nicht so tanzflächenorientiert gewesen.
Olaf: Unsere Arbeitsweise hat sich aufgrund der technischen Entwicklungen völlig geändert. Heute besitzt jeder für sich sein eigenes kleines Studio, d. h. die strapaziösen, mehrwöchigen Aufenthalte in einem gemieteten Studio gehören der Vergangenheit an. Auch die Live-Performance profitiert natürlich davon. Früher gab es anstelle der Beamer-Show eine Präsentation über Röhrenfernseher, die während des Konzertes nur durch permanente Tapewechsel eine gewisse Synchronität zur Musik aufweisen konnte. Wir haben aus unserer Sicht den typischen Tyske-Sound einfach ins neue Jahrtausend transferiert. Bei Anonymous haben wir uns dann dazu entschlossen, einen zusätzlichen Produzenten, Sebastian von Wertstahl, mit ins Boot zu nehmen, so dass wir etwas eingängiger und experimenteller wirken, wobei wir die Härte nie aus den Augen verloren haben, was auch durch die Tatsache, dass Jan von Noisuf-X den Masterpart übernommen hat, zementiert wird.
Lucy: Und wie machte sich der Wandel auf die Texte bemerkbar?
Ich erinnere mich noch an Texte, die zum Beispiel von der Vorherrschaft der Technologie, dem Jugoslawien-Krieg und militärischer Durchsetzung US-amerikanischer Interessen handelten. Wie schaut das heute bei euch aus?
Albert: Eigentlich hat sich da wenig verändert. Unsere Texte sind Spiegelbild der Gesellschaft. Unsere Themen entdecken wir sozusagen im täglichen Studium menschlichen Verhaltens, egal wie und wo es sich präsentiert. Ob nun über die Medien oder als Live-Performance im Alltag, der Mensch ist schon ein verdammt interessantes, einfallsreiches und unberechenbares Tier. Besonders wenn es darum geht anderen zu schaden, kennt der Einfallsreichtum keine Grenzen. Daraus resultierend geben also der Mensch und sein Verhalten die Themen vor, mal eher allgemeiner, mal brandaktuell wie z. B. bei der Scientific-EP im letzten Jahr. Wir wollen Missstände aufzeigen, haben aber nicht den Anspruch, Verbesserungsvorschläge zu geben oder gar mit erhobenem Zeigefinger aufzuwarten. Wir versuchen einerseits am Puls der Zeit zu sein, schrecken aber andererseits auch nicht vor vermeintlich banalen Themen zurück.
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Lucy: Vor 2006 hattet ihr selten Live-Auftritte. Vergleicht man diese Tatsache mit dem Auszug aus euren vergangen Konzerten von 2007 und 2008 auf eurer Website, könnte man meinen, da hätte sich in der Zwischenzeit einiges getan. Hat das vielleicht etwas mit eurem Signing bei der Black Rain Media Group im Jahre 2006 zu tun?
Z 67: Das stimmt. Nach der ersten Veröffentlichung bei Black Rain haben wir eine Vielzahl Live-Auftritte absolviert, dazu kamen die beiden Europatouren mit Feindflug. Es ist schon äußerst hilfreich, wenn man die volle Unterstützung des Labels besitzt, zumal die Zusammenarbeit mit Gerald sehr angenehm und freundschaftlich ist. Seit Beginn des Jahres haben wir zudem einen Vertrag mit WOD, was uns gleich zu Beginn des Jahres eine Kurztour mit DAF ermöglichte. Darüber hinaus sind noch einige Dinge für den Herbst/Winter in Planung, darunter Berlin, Kopenhagen und Stettin. Mal sehen, was noch so geht.
Lucy: Und wo ward ihr überall in der Welt schon unterwegs?
Z 67: In 2007 haben wir Skandinavien, die Schweiz und Benelux bereist, im letzten Jahr waren wir in Südeuropa und England unterwegs.
Lucy: Wo war es am geilsten?
Albert: Polen war schon ’ne ganz coole Angelegenheit, zumal wir das erste Mal in Osteuropa aufgetreten sind. Die Szene ist wesentlich kleiner als in Deutschland, aber wie die abgehen während einer Live-Show ist schon beeindruckend. Wir haben unheimlich viel Spaß auf und hinter der Bühne gehabt und wurden selten so herzlich bekümmert wie in Stettin. Teil 2 ist auch schon in Vorbereitung. Grundsätzlich haben wir in den letzten Jahren viele Konzerte gespielt, die uns nachhaltig beeindruckt haben, egal ob in Skandinavien, England, Mittel- oder Südeuropa.
Lucy: Kommen wir einmal zu eurem aktuellen Album „Anonymous“, welches am 05. Juni erscheinen wird. Es wird zwei Releases geben, wenn ich das richtig verstehe. Was könnt ihr uns dazu sagen?
Olaf: Schon bei den letzten Veröffentlichungen haben wir eine limitierte Digibox mit einigen Gimmicks herausgegeben, um unseren Fans was Besonderes kredenzen zu können. Wir sehen das Ganze als Geschenk an treue Fans, die was Besonderes in der Hand halten wollen. Bei der Sojus war es eine zusätzliche Remix-CD und nun haben wir eine signierte Autogrammkarte, ein Poster und einen Pin dazugepackt. Wenn die ersten 1.000 Stück vergriffen sind, wird es die CD nur noch als normales Release geben.
Lucy: Weiter oben haben wir schon Friesische Texte angesprochen. Der Opener „Frya Fresena“ bezieht sich sicherlich auf den alten Friesischen Wahlspruch „Eala Frya Fresena“. Was bedeutet für euch persönlich dieser Ausdruck der Friesischen Freiheit?
Albert: Die friesische Freiheit steht als Synonym für das Völkerrecht. Wir sehen den Titel als Hommage an das Recht eines jeden Volkes auf Selbstbestimmung und Unabhängigkeit und erteilen damit jeglicher Art von Unterdrückung und Okkupation eine Absage.
Lucy: Gehe ich richtig in der Annahme, dass die Songs auf der CD die Leute auf die Tanzfläche ziehen sollen?
Olaf: Einige Stücke sind wirklich eingängiger und tanzbarer, als frühere Stücke, aber wir haben darauf nicht bewusst hingearbeitet. Es ist eher das Resultat aus der Art der Zusammenarbeit und den verschiedenen eigenen Musikgeschmäckern der Protagonisten.
Lucy: Besonders der Song „Bastard“ mit seinem unanständigen Text wirft dem Hörer bestimmt einerseits einige Fragen auf und zaubert anderseits ein Lächeln auf die Lippen. Gibt es bestimmte Begebenheiten, die euch dazu veranlassen, eure Texte zu schreiben?
Z 67: Bastard speziell stellt das Innenleben eines schlafenden Sexualtäters dar, der sich langsam über seine sexuellen Gewaltfantasien zum Täter entwickelt. Der Titel der CD, Anonymous, steht als Synonym für den anonymen Täter. Was alles an unglaublichem Schrecken in der Anonymität der Einsamkeit, der Familie, der Gruppe, ja sogar eines Volkes heranreifen kann, ist schon katastrophal. Das wirft doch die Frage auf, wo die Hemmschwelle eigentlich wirklich sitzt. Wir glauben, da kommt noch so einiges auf uns zu. Solange der Mensch existiert, gehen uns also wohl kaum die Themen aus.
Lucy: Mit dem Titel „Panzerlied“ befindet sich ein Coversong der Labelkollegen „Jesus And The Gurus“ auf „Anonymous“. Aus welchem Grund habt ihr beschlossen, genau diesen Song zu covern und auf der CD zu veröffentlichen?
Albert: Mit den Gurus verbindet uns mittlerweile eine innige Freundschaft, die weit über die Musik hinausgeht. Wenn’s passt, reisen wir in die Schweiz und feiern zusammen. Im letzten Jahr, als die Aufnahmen der neuen Gurus-CD fertig waren, hat Gabriell mir das Stück vorgestellt und ich war begeistert. Als ich dann Vorschlug das Panzerlied als Cover für Anonymous zu nehmen, waren alle einverstanden. Darüber hinaus haben die Gurus ein älteres Stück von uns, „Pädophil“, neu interpretiert. Vielleicht wird es ja noch die eine oder andere gemeinsame Aktion zusammen geben. Für den Herbst sind auf jeden Fall schon 2 gemeinsame Shows geplant.
Lucy: Basiert der Song „March“ nicht auf einem alten militärischen Thema? Irgendwo habe ich diese Melodie doch schon einmal gehört.
Z 67: Selbstverständlich. Es handelt sich um ein altes amerikanisches Bürgerkriegslied. Den Originaltext haben wir dann um einige aktuelle Textzeilen ergänzt.
Lucy: Welche Pläne habt ihr neben euren drei großen Festivalauftritten sonst noch für das Jahr 2009?
Olaf: Für den Herbst/Winter ist noch die eine oder andere Clubtour geplant, wobei Berlin und Stettin für Ende Oktober schon fix sind. Den Rest werden wir bekannt geben, sobald die Zeit reif ist.
Lucy: Vielen Dank für das Interview! Wir wünschen euch viel Erfolg mit der neuen Scheibe und viel Spaß bei euren Konzerten! Gibt es noch etwas, das ihr unseren Lesern gerne sagen würdet?
Tyske Ludder: Harmonie ist das Ende aller Kreativität.
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