Interview: zum Album "von Rosen und Neurosen" 2008, welches Anna mit Oli von Stillste Stund zum aktuellen Album "von Rosen und Neurosen" führte.
Anna: Was hat Euch inspiriert bei der aktuellen Veröffentlichung "von Rosen und Neurosen"?
Oli: Alles womit man sich auseinandersetzt, was einen bewegt fließt meist dann auch in Text mithinein. Einiges vermischt sich aus völlig verschiedenen Themenbereichen und ich bin mir ziemlich sicher, dass viele Sachen auch unterbewusst aufgenommen werden und sich irgendwie wieder den Weg nach draußen suchen über die Musik, über die Atmosphäre und oder auch über konkrete Textschnipsel die einem einfach in den Sinn kommen. Und das ist immer schwer so an konrekten Momenten oder Quellen fest zu machen. Erst recht, wenn es sich um ein ganzes Album dreht. Bei bestimmten Titeln ginge es sicher eher, aber daher auch ganz allgemein gesagt eine völlig escheuert und aus den Fugen geraten Welt reicht ja auch völlig aus um Inspiration für diverse Alben zu erhalten.
Mach die Augen auf. Sieh Dir unsere immer kränker werdende Gesellschaft an.
Geh durch die Straßen, sie Dir die Nachrichten an.
Oft hält man das alles nicht wirklich mehr für real und sowas fließt dann in Stücke wie unser "Speichel, Laub und Seitenspiel" hinein. Das diese völlig abstoßende Krankheit namens Gesellschaft dann irgendwie widerspiegelt. Aber das ist jetzt wirklich nur ein Beispiel. Ein Aspekt.
Anna: Was hat Euch dazu bewogen die Geschichte "Alice" auf der aktuellen EP abzuschließen?
Oli: Das ist ganz einfach. Das werden wir öfters mal gefragt. Das sind einfach die Leute gewesen. Alice war damals auf der Ursprungparadoxon eigentlich eine abgeschlossene Geschichte. Da war ein Ende. Tatsächlich, ganz bestimmt wäre es nie zu Alice 2 oder gar dieser EP gekommen, wenn sich nicht dermaßen viele Leute auf Alice hin damals gemeldet hätten. Damit hätte keiner gerechnet. Alice war ein Walzer im Dreivierteltakt und denn noch lief es in einigen Clubs. Das hat also etwas von Interaktion oder gegenseitiger Beeinflussung und Inspiration zu tun, wenn man soviel Energie von den Leuten zurückerhält. Wir fanden das unglaublich und diese Energie wollte genutzt werden.
Anna: Stilistisch erzeugt Ihr mit Elemente wie Kontrabass, Klavier und Cello eine unglaublich Atmosphäre, die auch gut zu manchem Film passen könnte. Wie wichtig war Euch der vermehrte Einsatz dieser Instrumente?
Oli: Die Atmosphäre ist bei uns immer zentral gewesen und da bin ich mir ziemlich sicher, dass das auch immer so bleiben wird. Ich hab schon so manches, eigentlich musikalisch gesehen gute Frakmente wegfallen lassen oder verworfen einfach zu Gunsten der Erhaltung einer gewissen Stimmung in den Songs und dennoch will man sich irgendwie fortentwickeln und ausprobieren und Experimente bilden für viele unserer Stücke eigentlich die Grundlage, auch wenn am Ende vielleicht ein konrekter Sound dasteht, wir experiementieren unheimlich gerne und viel herum. So lang das nah mal natürliche Instrumente vermehrt einzubinden und diesen wundervollen Klang und das Gefühl von Saiten Holz sich zu Nutze zu machen einfach für unsere Musik. Und wir haben festgestellt, es lässt sich sehr gut damit arbeiten und wir haben uns schon Gedanken gemacht, ob wir nicht dem Ganzen nicht einen Namen geben sollte. Ich tendiere dazu das Gemisch als "Chaimberwave" oder "Chaimbercashion" zu bezeichnen, denn der kammermusikalische Eindruck, der durch diese Instrumente entstanden ist spielt bei den meisten Stücken ein sehr wichtige Rolle.
Anna: Lasst Ihr Euch von aktuellen Soundtracks a la Hans Zimmer und Co inspirieren?
Welches sind Eure Lieblingsscores, wenn ja?
Oli: Ja, sehr schön, dass es jemanden mal wieder auffällt. Also Filmscores spielen für mich eine sehr wichtige Rolle. Ich hab mittlerweile mehr Scores als andere CDs bei mir rumstehen, obwohl Hans Zimmer eher weniger zu meinen Favoriten gehört was nicht heißt, dass ich nicht seine Arbeiten sehr schätzen würde. Er ist wirklich einer der ganz Großen. Aber meine persönlichen Lieblinge heißen eher Danny Elvman, Christopher Young, Traver Johns, Adam Selestrie. Und meine Lieblingsscores sind dann eben auch - für nur ganz, ganz wenige Beispiele zu nennen - Sachen wie Jennifer Eight, Planet of the Apes, Electra, Excalibur, Corps Bride oder auch asiatische oder asiatisch angehauchte Sachen mit den typischen Violinen- und Celloslights wie bei "Crouching Tiger", "Hidden Dragon" oder bei "House of flying daggers" und so weiter und so fort. Das heißt dann nicht, dass ich auch den Film dann 100%ig toll finde. In den meisten Fällen ist es so aber es kommt durchaus vor, dass ich Soundtracks unglaublich gut finde und den Film überhaupt nicht dazu kenne oder mir den Film daraufhin überhaupt erst mal angucke, weil es mich interessiert. Wobei ich dann auch eher auf die Musik achte. Was mir gerade noch einfällt, "Zeit der Wölfe", "Company of Wolves" aus den 80ern gefällt mir auch tierisch gut. Sehr atmosphärischer und klassischer Soundtrack. Oder "Gothic" von 1986 oder 84 von Thomas Dolby auch tierisch atmosphärisch. Genial. Oder "The Cell" von Howard Shore der auch "Der Herr Der Ringe" gemacht hat. Total abgedreht und postmodern, eigentlich völlig atonal. Das gefiel mir echt gut. Aber ich nenn das jetzt nur als sachen, die mir jetzt so konkret ins Hirn schießen, weil es ist so viel und es ist so viel sehr Gutes auch dabei.
Anna: Ihr erzählt und unterhaltet oft mit tiefgründigen und ausgetüftelten Geschichten in Euren Songs. Habt Ihr neben der Musik auch schon literarische Werke veröffentlicht?
Oli: Nein, obwohl es da nicht an Ideeen mangeln würde. Da quillt mein Hirn eigentlich schon bald über, aber ich glaube nicht, dass es wirklich jemanden interessieren würde. Vielleicht würde es einige interessieren, schon, aber ich glaub nicht, dass wir die ganzen Leute erreichen würden, die es interessieren könnte. Dafür ist unser Status irgendwie zu unbedeutend. Ich wüsste auch nicht, wie ich das angehen sollte. Ehrlich gesagt, hab ich darauf noch nie herumgedacht. Wer weiß?! Vielleicht irgendwann einmal, aber ich halte das eigentlich für ziemlich unwahrscheinlich.
Anna: Habt Ihr schon einmal in Erwägung gezogen, eure Themen in Form eines Musicals zu präsentieren?
Oli: Musical - eine witzige Idee, ein guter Gedanke. Sind wir oft drauf angesprochen worden. Tatsächlich. Irgendwie scheint unsere Musik oder die Darbietung und bestimmt auch diese theatralische Interpretation teilweise danach zu schreien. Ich hab schon das Gefühl, es gäbe Stoff auch dafür genug, aber Musicals oder ähnliche Darbietungen erfordern eine Fülle ambitionierter Leute die da mithelfen und mitmachen. Ich weiß, es wäre Inhaltlich auch angemessen unsere Musik und unsere Ideen in größerem Rahmen zu präsentieren. Ich weiß, dass der Stoff dazu mehr als ausreicht. Man denke nur an unser Konzeptalbum "Biestblut". Das liese sich so unglaublich gut umsetzten, aber es ist mir auch absolut bewusst, dass Stillste Stund nicht dieses Gewicht hat, dass man so groß darüber nachdenken darf. Wir haben bestimmt das Zeug dazu, aber wir erreichen einfach zu wenig Leute um das zu machen. Zumindest hab ich so das Gefühl.
Anna: Das aktuelle Artwork ist wieder aufwendig gestaltet. In wie weit steuert Ihr da
selber Ideen bei der Gestaltung und Umsetzung bei?
Oli: Das Artwork stammt wie immer zu 100% von Birgit. Von den Fotoobjekten und Elemten bis hin zur grafischen Abstrahierung. Da steckt viel Arbeit und viel Liebe in diesen Sachen und auch in den Details, die man nach und nach vielleicht erst entdeckt und es steckt also keine beauftragte Firma die kein Spirit dafür hätte. Birgit investiert in das Cover und dieses sehr ausführliche Booklett auch genauso viel Zeit und auch Arbeit und Energie wie ich in einige Tracks. Es ist alles unsers und ich hoffe die Leute können das zu schätzen wissen und sind noch nicht ganz blind gegenüber wirklich ehrlichen Projekten, die alles selbst machen.
Anna: Lasst Ihr Euch bei der Produktion Eurer komplexen Stücke eher emotional leiten
oder habt Ihr da ein festes Arbeitsschema?
Oli: Es ist ja eigentlich immer ein Gemisch aus Kopf und Herz bei jedem Stück. Nur ist bei jeden Stück die Gewichtung halt verschieden und was die Musik angeht glaube ich, dass die Gewichtung mehr Richtung Intuition und in Richtung Emotionen geht bei uns. Zumindest bei der Grundsteinlegung eines Stückes. Also die Sachen entstehen aus völlig skurilen Experimenten manchmal heraus. Wir gehen auch jedes mal völlig unterschiedlich an die Sachen ran oder es drängt sich einem irgendwas was was man gerade mal spielt oder igendwelche Fragmente entstehen halt beim Rumspielen. Wie das halt ist. Wenn dieser Grundstein, der intuitiv entstanden ist dann da ist, kann man mit dem Kopf rangehen und das ordnen. Manchmal ordnet man zu viel. Aber ein bisschen Ordnung muss immer sein, sonst ist es einfach zu offen das Ganze. Diese Gewichtungen sind also immer unterschiedlich. Beim Text ist es vielleicht bisschen mehr Kopf, weil irgendwo die Sprache auch sehr wichtig ist bei uns. Aber bei der Musik ist das Grundlegende eigentlich immer emotional und intuitiv und sehr ursprünglich.
Anna: Gibt es einen Song, der Euch besonders am Herzen liegt bzw. den Ihr favorisiert
auf "Rosen und Neurosen"?
Oli: Ich mag die Ballade "Licht frist Stille - Schwarz frist Licht" sehr gerne. Sie drückt so viel Hoffnung aus, behält sich dabei aber vor, dass alles am Ende wieder zerbrechen wird.
Anna: An welchem Track habt Ihr am längsten auf dem aktuellen Album gearbeitet?
Oli: Ich kann sagen, was am schnellsten ging. Das war die konzeptionell angelegte "Alice" EP insgesamt. Ich merke immer wieder, auch damals beim Album "Biestblut" das mir offene und freie Strukturen, die sich nicht an Songschemen halten, müssen schneller von der Hand gehen. Ich seh daran persönlich auch meine Stärke irgendwo und da kann man sich wieder den Bogen zur Filmmusik dann ziehen. Was aber beispielsweise ein wirklich langen Weg beschreiten musste - beschreiten im wahrsten Sinne - war "der Marsch in Unschärfe Verlorener". Die erste Version ist von 1991. Klang damals natürlich komplett anders, obwohl der Aufbau schon sehr ähnlich war oder auch eigentlich schon fertig war damals. Lag dann aber mal 16 Jahre rum bevor ich endlich einen Text dazu fand und die nötigen musikalischen Ideen um es fertig zu stellen. Die Musik erforderte ein etwas unkonventionelles Reimchema und der Text dazu sollte unbedingt was Wichtiges und Schweres wiederspiegeln und deshalb hab ich es auch immer wieder weggelegt. Ich wollte es schon auf früheren Platten veröffentlichen, aber ich habe es eben immer wieder weglegen müssen, weil die Zeit war irgendwie nicht reif. Es war ein langer Garungsprozess, aber nun ist es gut durch und wird vielleicht auch nicht ganz leicht verdaulich.
Anna: Mit den Titeln "Sternenwacht" und "Tiefenritt" habt Ihr zwei Club kompatible Songs erschaffen, die sich trotzdem von allem bekannten differenzieren. Wie bewertet ihr die Entwicklung und die eher eintönige und wenig abwechslungsreiche Beschallung
in den Clubs unserer Nation?
Oli: Die Massen zu bedienen ist Konformisten vorbehalten. Man einigt sich dabei wahrscheinlich auf den kleinsten gemeinsame Nenner damit es auch funktioniert. Wenn man es unterstützen will, soll man es tun. Ich finde es ganz ok, solange es mich nicht tangiert. So lange diese Kuscherei dann aber auch nicht als Musikliebhaberei, Individualismus oder gar Kunst präsentiert wird. Es ist ein Markt, nicht mehr. Ein Markt mit Anforderungen der bedient wird ein Geschäft, das auf dem aufbaut, was die Leute ja immerhin verlangen. Das darf man nicht vergessen, sonst wäre es nicht so. Das ist gruselig, wenn es um Musik dabei geht, man Musik als Kunst versteht. Aber wenn man es trennt, dann ist es ok. Für mich ist es also ok irgendwo. Und ich denke, über diese Musiklandschaft darf sich eigentlich keiner beschweren. Mir muss es daher auch völlig egal sein, wenn es einigen Leuten nicht passt was wir machen, weil es nicht üblich ist, weil es nicht konform geht mit aktuellen Strömungen. Ich hab mittlerweile sogar erkannt, dass es eher ein total gutes Zeichen ist, wenn wir bei einigen Leuten einfach anecken.
Anna: Sind Auftritte oder weitere Veröffentlichungen im Jahr 2008 geplant?
Oli: Nein. Wir bleiben bis auf weiteres erstmal ein reines Studioprojekt. Es müsste schon eine ernorme Nachfrage da sein, damit wir live überhaupt was machen könnten. Aber wir haben im Januar die Remasters mit Bonustracks zu unseren ersten beiden Alben "Ein Mensch, ein Ding, ein Traum" und "Ursprung Paradoxon" abgeschlossen. Die liegen fertig. Diese CDs sind schon seit Langem ausverkauft und nur noch schwer erhältlich. Und wir sind gerade an Remixen dran zu unseren alten Titeln. Ich denke mal, vielleicht zum Jahreswechsel, da haben wir immerhin unser 10jähriges Jubiläum, dass wir da Anfang 2009 oder so uns wieder zurückmelden werden.Ich möchte einfach weiterhin Musik machen und… eigentlich kann es erstmal so bleiben wie es jetzt ist ;-)
...by PromoFabrik (C) 2008 www.promofabrik.de
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