Interview mit Skorbut 2009 änlässlich der aktuellen EP "Phantom Pain"

Rubrik: Interview

Der Song "Phantom Pain" war bereits volle 8 Wochen auf Platz 1 der EBM-Radio-Hörercharts und ist gerade erst auf der "Endzeit Bunkertracks IV" Compilation erschienen, da schieben SKORBUT eine EP zu diesem Song nach, die den durstenden DJs noch mehr Futter für die Floors bietet. Die Reaktionen der Fans auf den Song "Phantom Pain", den es bisher nur als Videoclip auf den Bandwebseiten zu sehen gab, waren so überragend, dass sich SKORBUT zur Vorabveröffentlichung dieses Titels, der ursprünglich erst auf dem noch in Arbeit befindlichen nächsten Album erscheinen sollte, entschlossen haben. Neben dem Titelsong werden 5 kraftvolle Remixe von den Label-Kollegen Novastorm und Kaos-Frequenz sowie von unter Insidern als Electro-Industrial Geheimtipps gehandelten Künstlern wie Fabious Corpus Act, den Titans und Yade geboten. Auf dem Datentrack befindet sich der Videoclip, der in gelungener Weise die Live-Uraufführung von "Phantom Pain" im Rahmen eines SKORBUT-Konzerts in Minsk dokumentiert.

SkorbutLeo traf Daniel und Armin auf dem Elekktroshokk-Festival in Adelsheim und nahm sich die beiden in einen "dubiosen" Hinterraum, um sie über Vergangenes, Gegewärtiges und auch Zukünftiges auszufragen. Wenn ihr wissen wollt, was es mit Hardcore-EBM, Dosenfutter und Franzosen auf sich habt, dann lest einfach weiter. Viel Spaß dabei ;)

Leo: Hallo Daniel, hallo Armin. Schön, dass wir uns heute hier auf dem Elekktroshokk-Festival einmal treffen. Lasst uns doch einfach mal ein bisschen über euch plaudern. Gerade eben habt ihr LIVE gespielt. Wir sitzen jetzt hier in einem etwas dubiosen Hinterraum mit Industrial-Flair. Wie hat euch denn der Auftritt gefallen?

Daniel: Es war unser erstes Konzert in Deutschland und der Auftritt war gut. Die Leute sind mitgegangen und ich habe mir sagen lassen, dass unsere Leistung im guten Durchschnitt war und das gibt uns Hoffnung. Das Ganze ist natürlich noch ausbaufähig und steigerbar.

Leo: Armin, du bist ja noch nicht so lange dabei. Wie kam es eigentlich dazu, dass du jetzt bei Skorbut mitwirkst?

Armin: Durch meine Arbeit als Musikjournalist habe ich damals Jörg Hüttner kennen gelernt, als ich im technischen Sektor für verschiedene Magazine Testberichte geschrieben habe. Irgendwann stand dann einmal ein Synthesizer-Test an. Jörg hat damals bei einer Synthesizer-Firma gearbeitet, bei welcher ich das Gerät vor Ort abholte. Das war ungefähr im Jahr 2004. Nach zehn Minuten merkten wir, dass wir dieselbe Wellenlänge hatten. Der Kontakt ist nie abgebrochen und irgendwann meinte Jörg zu mir, dass er für das Album „Firewall“ für einen Song einen Remix haben möchte. Ich machte diesen und er war begeistert. Daraufhin bin ich ins Songwriting eingestiegen. Dieses Arrangement entstand aus dem Grund, dass Jörg in letzter Zeit beruflich sehr ausgelastet ist.

Leo: Also geschah das damals nicht von jetzt auf gleich?

Armin: Das war ein fließender Prozess, welcher sich über Jahre hinweg zog. Wir unternahmen auch privat relativ viel miteinander. Wir haben eben, wie schon erwähnt, gemerkt, dass wir auf derselben Wellenlänge funken. Ich glaube, dass er mir im musikalischen Bereich einfach sehr vertraut hat und wusste, dass das gut funktionieren könnte. Und auch mit Daniel funktioniert die Zusammenarbeit sehr gut und harmonisch. Alles funktioniert hervorragend.

Leo: Da wir gerade bei der Geschichte sind. Wie habt ihr beiden euch kennen gelernt und was könnt ihr uns zur Bandgeschichte im Ganzen berichten?

Daniel: Angefangen hat alles Mitte der 90er Jahre. Jörg und ich waren beide Praktikanten bei Bruno Kramm in den legendären Danse Macabre Studios. Ich war damals noch der Hardcore EBM Freak mit typischer Frisur und Hütti kam mit seinem Turm herein gelaufen. Er hatte mich sehr kritisch beäugt, weil er die EBM Szene noch nicht so kannte. Und er dachte „Was ist denn das für ein Fascho?“. (lacht) Jedenfalls haben wir uns dann erst einmal beschnuppert und sind Freunde geworden. Die Faschobefürchtungen trafen natürlich auch nicht zu. Nachts machten wir immer Sound zusammen. Die ersten Songs wie „Fuel“ oder „Confined“ vom „Log_In“ Album kann man eigentlich schon auf 1994, 1995 datieren. Die hatten wir damals in unserem kleinen Kabuff gemacht. Danach wurde kontinuierlich weiter gearbeitet. 2001 kam dann das erste Release, 2005 das zweite und so weiter. Armin stieß während der Firewall-Session 2006/07 dazu und steuerte in dieser Phase mehrere Remixe und auch einen Albumsong bei. 2009 kann man mit Fug und Recht vom Trio Küster, Hüttner, Galda alias Skorbut sprechen.

Leo: Und warum hat der erste Release so lang gedauert. Von 1994 bis 2001 ist ja schon eine sehr lange Zeit, um ein Album oder vielmehr ein Debütalbum herauszubringen.

Daniel: Damals waren Jörg und ich schwer in andere Bands integriert. Ich bei DAS ICH und KALTE FARBEN und Jörg bei RELATIVES MENSCHSEIN. Wir haben Skorbut einfach aus Spaß gemacht und an gar kein Release gedacht. Ende der 90er Jahre kamen dann diverse Samplerbeiträge und die Anzahl der Songs, die in der Schublade lagen, stieg. Irgendwann hatten wir genügend Songs beieinander und waren nicht mehr in andere Projekte integriert und gingen auf Labelsuche. Das war circa 2000. Scanner hatte damals zugeschlagen. Das erste Album „Log_In“ stellt faktisch einen Querschnitt unseres Schaffens der 90er Jahre dar. Die Songs sind in ihrer Qualität sehr unterschiedlich. Ich bin der Meinung, dass man die früheren von den späteren „Log_In“ Songs gut unterscheiden kann. Eventuell hätten wir mit diesem Release doch noch ein wenig warten sollen.

Leo: Du sagst jetzt also rückblickend, dass es trotzdem noch verfrüht war, das Debütalbum so herauszubringen, trotz der langen Zeit von der „Gründung“ an gesehen?

Daniel: Das ist eine ganz kritische Frage. Auf der einen Seite war es musikalisch natürlich zu früh für uns. Wir sind jetzt auf einem anderen Level und haben uns weiter entwickelt. Auf der anderen Seite war es so, dass wenn „Log_In“ zu dieser Zeit nicht released worden wäre, es uns heute wahrscheinlich nicht mehr geben würde. Wir hätten dann wahrscheinlich irgendwann die Arbeit eingestellt. Deshalb war der Plattenvertrag gut, um uns beisammen zu halten und um an dem Projekt weiter zusammen zu arbeiten. Man darf das jetzt auch nicht so interpretieren, dass wir 7 Jahre lang Tag und Nacht an der „Log_In“ saßen. Auf dem Album waren circa 10 Songs drauf – und diese 10 Songs stellten einfach nur 10 Studiosessions dar. Wir ließen die Songs von 1995 dann einfach so stehen, ohne sie noch einmal zu überarbeiten. Und dies wiederum stört mich rückblickend. Eventuell wäre es damals besser gewesen die alten Songs zu überarbeiten und nach 2001 klingen zu lassen. So wie damals veröffentlicht, stellte die „Log_In“ ein durchaus authentisches Werk dar, was allerdings nicht am Puls der Zeit war und ziemlich nach Oldschool klang. Damals gab es diesen Oldschool-EBM-Trend noch nicht in der Form wie heute.

Leo: Das stimmt. Wenn man das erste Album mit dem zweiten vergleicht, ist der Sound homogener geworden. Mit dem zweiten Album „Access all areas“ seid ihr vom straighten EBM eher in die Elektronikrichtung gegangen. Warum eigentlich?

Daniel: Da steckte eigentlich kein großer Plan oder ein Konzept dahinter. Wir sind im Studio sehr spontan und geben uns auch keine Vorgaben. Die „Access All Areas“ geht querbeet durch alle düsteren elektronischen Genres dieser Zeit. Wir wollten einfach experimentieren. Der Name der CD passte auch gut zur Musik. Und zu der anderen Frage: Die zweite CD klingt deshalb homogener, weil sie innerhalb eines Jahres geschrieben wurde und nicht wie die „Log_In“ verteilt über 6 bis 7 Jahre.

Leo: Und wie kam der Stilwechsel vom reinen EBM zu einer Bandbreite an elektronischer Musik zustande? Liegt es vielleicht daran, dass Jörg Hüttner hauptberuflich auch von vielen anderen Stilen beeinflusst wurde?

Daniel: Jörg produzierte schon immer recht vielseitige Sachen. Von Goa-Trance über Industrial bis hin zu Gothrock und Heavy Metall. Er ist da für alles offen und geht mit der Philosophie ran, dass ihn alles weiter bringt. Und damals flossen die Erfahrungen natürlich auch in Skorbut mit ein. Wie schon erwähnt sahen wir Skorbut eher als Experiment, in dem sich jeder austoben durfte. Mir waren EBM Songs auf dem Album wichtig, ihm waren speziell die ruhigeren düsteren Sachen wichtig und in den popigeren Nummern, da wir auch DM-Fans sind, fanden wir uns beide wieder. So hatte jeder was davon. Mit dem Stil erarbeiteten wir uns sogar schon eine kleine Hörerschaft, die diese Abwechslung sehr zu schätzen weiß und toleriert.

Leo: Das stelle ich mir ziemlich schwierig vor. Wenn man musikalisch sehr viele Stile abbilden will, muss man auch Kompromisse machen. Nach dem Motto, biete ich Musik einer Zielgruppe an oder macht man die Musik für sich selbst und sich sagt „mir ist es egal, wie viel CDs ich verkaufe, ich mache die Musik, die mir am besten gefällt“...

Armin: Wir machen für Skorbut keine Auftragsarbeiten. Es sollte immer an vorderster Stelle stehen, dass man sich mit der Musik auch persönlich identifizieren kann. Es macht keinen Sinn, seine Seele zu verkaufen. Höchstens wenn man einen externen Auftrag hat, bei welchem man explizit auf einen gewissen Stil hinarbeiten muss. Skorbut ist ein Herzprojekt und das wird auch so bleiben.

Daniel: Ja definitiv. Das ist eben auch heute noch so. Jetzt bringt sich verstärkt Armin mit ein.

Leo: Das hört man eurer Musik auch an. Ich finde es sehr schön, wenn man eine CD einlegt und man nicht vom ersten bis zum letzten Song dasselbe Strickmuster hört.

Daniel: Obwohl dies mittlerweile auch schon grenzwertig wird, weil bei Skorbut die Stimme ein Stilelement ist. Die Stimme und auch die Texte sind für viele schon so eine Art Markenzeichen. Das betrifft speziell das Ausland. Über unsere Myspace-Seite bekommen wir sehr viel Post aus dem Ausland und da muss man so langsam Standards erfüllen. Die Leute gehen regelrecht mit Erwartungen ran. Um Gottes Willen, jetzt stellt jemand Anforderungen an Skorbut (lacht). Auf einmal müssen wir so oder so oder so klingen und die Leute erwarten auf einmal diese Stilbreite von uns. Auf der einen Seite ehrt uns das und auf der anderen Seite muss man darauf achten, dass man seiner eigenen Philosophie treu bleibt und das macht worauf man am meisten Lust hat. Aber wir balancieren da entlang. Bisher haben uns viele Leute die Treue gehalten und ich denke, dass die Fangemeinde größer werden wird. Schon allein dadurch, dass wir jetzt auch mehr Konzerte spielen wollen und spielen werden. 80 Prozent der Szene hat trotz der drei Alben noch nie etwas von Skorbut gehört. Das Feld muss beackert werden.

Leo: Ich denke, das ist die Präsens, die die Musiker heutzutage auch brauchen, um sich eine Hörerschaft zu erarbeiten. Alleine nur mit CD-Veröffentlichungen ist es sehr schwierig.

Armin: Das klappt sehr, sehr selten, ja.

Leo: A propos CD-Veröffentlichung. Ihr habt jetzt auch ein neues Produkt. Es ist zwar noch kein Album, sondern erst einmal eine EP. Sie trägt den Namen „Phantom Pain“. Und es hat ja nun doch schon ein paar Jahre von der letzten Veröffentlichung bis zu dieser gedauert. Liegt es daran, dass Jörg Hüttner sich in die USA begeben hat?

Daniel: Nach Jörgs Ortswechsel mussten wir uns erst einmal neu sammeln. Er ist 2007, also kurz nach Veröffentlichung der „Firewall“, auf einmal weg gewesen. Es musste erst einmal alles neu organisiert werden. Irgendwann war klar, dass wir Armin mit ins Boot holen.

Armin: Man merkt ja immer gleich, ob die Chemie stimmt oder nicht und wir waren auch gleich auf derselben Wellenlänge. Ich weiß, was Daniel will, wenn wir zusammen arbeiten und genauso ist es auch umgekehrt. Es ist ein sehr flüssiges, produktives und schnelles Arbeiten. Es funktioniert gut. 2009 war bisher ein sehr produktives Skorbut-Jahr. Wir haben im Studio sehr viel geschafft und ich denke, dass es die nächste Zeit auch so bleiben wird.

Daniel: Ich glaube sieben Songs sind schon fertig, oder?

Armin: Ja. Es ist kein weiter Weg mehr und es wird auch eine sehr abwechslungsreiche CD.

Daniel: Ja. Und die wohl tanzbarste CD von Skorbut. „Phantom Pain“ rattert ja auch schon gut los.

Leo: Welche Rolle hat Jörg nun? Wie kann er sich lukrativ involvieren? Ihr sagt, dass ihr mehr LIVE spielen wollt. Das stelle ich mir schon schwierig vor über die Kontinente hinweg gesehen.

Armin: Das stimmt. Aber die Welt ist durch die ganzen modernen Medien kleiner geworden. Man ist schnell per E-Mail oder via Skype zu erreichen, um sich abzustimmen. Natürlich ist die direkte Zusammenarbeit dadurch behindert. Bei Konzerten werden wir in der Konstellation Galda/Küster zu sehen sein. Es sei denn Jörg weilt zum Zeitpunkt eines Konzertes sowieso in Deutschland. Dann würden wir als Trio rausgehen.

Daniel: Ich habe Jörg letzte Woche auf einer Musikmesse in Deutschland getroffen. Er machte den Support für eine Software-Instrumenten-Firma. Auf jeden Fall möchte er auch noch zwei Songs zum neuen Album beisteuern. Also der Wille bei ihm ist definitiv da. Es ist jedoch fraglich inwieweit er das in seinen Terminkalender einbauen kann. Er muss in Hollywood auf Knopfdruck funktionieren. Wenn er angerufen wird, muss er da sein und muss machen. Was heißt MUSS, er will es ja auch. Das könnte eventuell dazu führen, dass eine CD heraus kommt, auf welcher kein Song von ihm vertreten ist. Aber er ist definitiv noch gewillt und bleibt dem Projekt treu und dementsprechend steht er auch als Bandmitglied auf der neuen CD drauf. Er wäre dann faktisch verhindert gewesen (lacht) aber bei der übernächsten CD wieder mit dabei. Aber ich hoffe doch, dass es auf der kommenden CD schon klappt.

Leo: Die neue CD ist für 2009 geplant. Worauf kann man sich freuen. Habt ihr schon Infos dazu, die ihr uns verraten könnt? Gibt es etwas Spezielles, ein Gimmig, ein Video vielleicht?

Daniel: Wir arbeiten im visuellen Bereich mit Paolo Percoco zusammen. Er ist unser Videomann. Ihm macht es Spaß, abgefahrene Videos zu schnippeln. Das Video zu „Phantom Pain“ hat er auch gemacht. Er ist ziemlich idealistisch bei der Sache und das passt genau in das Skorbut Anforderungsprofil. Das heutige Konzert wurde auch mitgefilmt und eventuell gibt es dazu auch einen kleinen Clip. Das steht allerdings noch offen. Denkbar ist viel. Einen Clip jedoch wie „9 lifes later“ muss man natürlich finanzieren, auch wenn es ein Low-Budget-Video ist, aber es muss eben auch finanziert werden. Zum neuen Album sei gesagt, dass es höchstwahrscheinlich um die 12 Songs enthalten wird und „Medium“ heißen soll.

Leo: Da hilft das Label meistens nicht so wahnsinnig mit. Videofinanzierung ist kein Verkaufsargument. Ihr steht wahrscheinlich Videos offener gegenüber.

Daniel: Das ist ein Gimmig und letztendlich spielt man dann das Resultat auch nicht wieder ein. Das muss einem bewusst sein. Man versenkt meist Geld aus der Privatkasse, das man durch die CD-Verkäufe nicht mehr einspielt. Verdient heute überhaupt noch jemand Geld mit Musik?

Leo: Aber das Medium an sich ist wichtig. Gerade auch in Zeiten von Youtube und Co.

Daniel: Das ist richtig, ja.

Armin: Wir wollen das auf jeden Fall auch nutzen.

Leo: Wie schaut es mit Eurer Arbeitsweise aus. Fließt da auch ein gewisser Spaßfaktor mit ein?

Armin: Bei jedem Treffen finde ich die Arbeit noch effektiver. Wir nehmen uns dann meistens so vier bis fünf Tage. Ich habe dafür entsprechend Sachen vorbereitet, dann entwickelt sich vieles noch spontan, wir nehmen die Vocals auf.... Das sind sehr kreative Tage und da passiert sehr viel. Manchmal schafft man in einem halben Jahr nicht so viel wie in diesen fünf Tagen.

Daniel: Das war bei Skorbut schon immer so, dass sich die reine Produktionsphase, wenn man das zusammen rechnet, letztendlich auf sechs Wochen reduziert werden kann. Dann bin ich 20 Tage da und die restlichen Tage arbeitete dann Jörg oder jetzt Armin alleine weiter und nimmt den Feinschliff vor. Aber natürlich haben wir auch viel Spaß – um auf Deine Frage zurückzukommen.

Leo: Konzentrierte Kreativität also, oder besser gesagt, portionierte Kreativität?

Armin: Genau. Es ist eine Mischung aus Konzentration, Spaß und Kreativität. Es muss von allem etwas vorhanden sein. Wenn man nur herumulkt, schafft man nichts und auch nicht, wenn man nur todernst da sitzt und nicht kommuniziert.

Daniel: Und wenn man zu verbissen etwas erarbeiten möchte, kommt auch nichts Gutes dabei heraus.

Armin: Das hört man sich dann ein paar Tage später an und ist der Meinung, dass man es gleich in den Papierkorb kicken kann.

Leo: Wenn ihr Skorbut mit drei, vier Adjektiven beschreiben müsstet, welche wären das dann?

Daniel: Individuell, elektronisch ...

Armin: Auch wenn der Begriff etwas ausgelutscht ist, würde ich sagen: innovativ. Eben weil wir versuchen, verschiedene Stile anders als andere miteinander zu verbinden. Das wird man auf jeden Fall auch auf dem nächsten Album merken. Und dann wäre da noch als Adjektiv „treibend“ zu nennen.

Daniel: Eigentlich kann man SKORBUT ganz einfach mit dem Prädikat „Skorbut“ versehen. Wir haben unseren eigenen Stil und wir haben eine Hörerschaft, die diesen definitiv auch schätzt, besonders im Ausland. Selbst wenn die CD-Verkäufe nicht gerade dafür sprechen, muss ich sagen, sind wir immer wieder über das Feedback verwundert.

Armin: Das Feedback ist manches Mal erstaunlich.

Daniel: Ja das Feedback ist erstaunlich und manchmal auch erschütternd. Erschütternd deshalb, weil eben die Verkaufszahlen hinter dem Feedback zurück bleiben. Es erreichen uns Anfragen wie: „Geiler Text, darf ich da eine Coverversion von machen?“. Das ehrt einen und das erdet einen auch wieder, weil man diesen Geist und Spirit entwickelt, worum es letztendlich geht. Es geht nicht um Verkaufszahlen. Es geht auch nicht darum, wer auf welchem Festival in welchem LINE UP in welcher Position spielt oder wer auf MySpace die dickste Freundesliste hat. Es geht einfach um den Spaß und darum, dass zu machen was man will und mit dem wiederum die Leute erreicht und ihnen etwas gibt. Und das schönste, was man als Musiker bekommen kann, ist ein Feedback von den Leuten.

Leo: „Prädikat Skorbut“ – wie kamt ihr eigentlich auf den Namen?

Daniel: Jörg und ich wohnten zusammen. Ich habe 1996 beschlossen von Bayreuth nach Ulm zu ziehen, u. a. wegen Skorbut und der Freundschaft zu Jörg, bin dann bei ihm eingezogen und er bekam mich lockere vier Monate nicht mehr los, bis ich eine eigene Wohnung hatte. Jörg wohnte damals in einer WG mit jemand zusammen. Jörg und ich hatten uns immer in unserem Studio verbarrikadiert, in seinem Zimmer. Wir haben uns eigentlich nur von Dosensuppe, Ravioli, grüne Bohnensuppe, weiße Bohnensuppe, eben ausschließlich aus Dosen ernährt. Irgendwann kam der französische Mitbewohner und meinte in einem gebrochenem Deutsch: „Ihr bekommt irgendwann Skorbut!“. Das fanden wir lustig. Vitaminentzug mit allen lästigen Nebenerscheinungen. „Wir sind ja sowieso düster drauf, Vitaminentzug, blass, das passte wie die Faust auf’s Auge!“. Somit war der Name geboren. Wir waren zu dem Zeitpunkt auf der Suche nach einem Namen, weil diese Flatline-Compilation im Raum stand, auf welcher wir den Song „Fuel“ beigesteuert haben. Es kam innerhalb von zwei Wochen alles zusammen. Der Mitbewohner sagte „Skorbut“ und wir fragten uns „Warum sind wir da nicht drauf gekommen?“ und ein paar Wochen später erschien Skorbut auf der legendären Flatline-Compilation.

Leo: Coole Story.

Daniel: Ich weiß nicht, ob wir uns heute noch einmal Skorbut nennen würden. (lacht)

Leo: Ja aber mittlerweile ist es ein Prädikat. (lacht)

Daniel: Es gibt aber verschiedene „Skorbuts“. Wir bekommen auch manchmal Mails über unsere Myspace-Seite aus Südamerika, ob wir die Skorbuto sind. Es gibt wohl eine bekannte Punkband irgendwo aus Mexiko, Brasilien, eben aus dem südamerikanischen oder lateinamerikanischen Raum, die auch Skorbut heißt und dort wohl auch richtig bekannt ist. Da muss ich dann immer extrem selektieren, wen ich in die Freundesliste aufnehme und wen nicht. Das nervt ein wenig. Sorry, aber da bin ich der pingelige Kontrollfreak, der eben keine Spamer oder Verirrte akzeptiert.

Leo: Plant ihr noch mehr Live-Konzerte in Deutschland? Ihr habt euch ja in Deutschland die letzten Jahre über ein wenig rar gemacht und hattet mehr Auftritte im Ausland. Hatte das einen speziellen Grund?

Daniel: Wir hatten unsere beiden ersten Alben released, 2001 „Log_In“ und 2005 „Access all Areas“. Zu jeder Zeit, in der eines dieser Alben auf den Markt kam, hingen wir mit dem Sound hinterher. Weil es eben diese, vorhin schon erwähnten, langen und etappenweisen Arbeitsphasen gab und etliche Zeitabstände zwischen den Produktionen und den Releases vorhanden waren. Damals waren wir der Meinung, dass wir definitiv mit unserem Sound nicht am Puls der Zeit waren. Das war uns bewusst. Wir haben uns zwar sehr über die Releases gefreut, aber das Bedürfnis, das nach außen zu tragen, war relativ gering. Also sprich – Wir hatten kein Auftrittsbedürfnis und von Seiten der Veranstalter kam auch nichts – zumindest nichts was realisierbar war. Entweder wir oder die damaligen ausländischen Veranstalter hätten dann gnadenlos draufgelegt. Das wollten wir umschiffen. Dann kam 2007 die „Firewall“ – CD. Unser bis dahin bestes Album. Und das Bedürfnis nach Konzerten stieg auch bei uns. Leider funkte hier allerdings Jörg´s Ortswechsel nach Los Angeles dazwischen. Wir hatten unheimlich Lust zu spielen aber Jörg´s Terminkalender ließ dies nun nicht mehr zu. Ein Konzert in Minsk kam zu Stande. Aber auch nur deshalb, weil es im Dezember stattfand, also zu einer Zeit in der Jörg sowieso in Europa weilte. Du kriegst also aus diesem kurzen Exkurs schon mit, dass alles ziemlich komplex war. Jetzt arbeite ich mit Armin zusammen und Armin ist der Meinung, dass wir was machen sollten. Definitiv ist Skorbut in der Konstellation Küster / Galda soweit, spontan LIVE auf die Bühne zu gehen. Wir können den finanziellen Aufwand für die Veranstalter relativ gering halten. Daran lag es letztendlich, dass wir so wenig gespielt haben. Der Wille war schon da, aber es war einfach nicht realisierbar. Wir hätten gerne mehr gespielt, aber es mussten dann eben mehrere Sachen zusammen kommen. Wenn Jörg zum Beispiel gerade in Deutschland war, musste dann an diesem Tag irgendwo ein Konzert stattfinden.

Armin: Aber das lässt sich sehr schwer planen.

Daniel: Heute hier auf dem Elekktroshokk-Festival 2009 war also unser erstes Konzert in Deutschland. Ich denke, dass wir bei den Leuten gut angekommen sind und dass wir ein Ausrufezeichen hinterlassen haben. Das Bedürfnis, dass wir mehr Konzerte spielen, ist auf jeden Fall da. Es wird am 10. Juni in Zweibrücken, in der Nähe von Saarbrücken ein Konzert geben. Und dann schauen wir einfach einmal. Wir haben schon Kontakte geknüpft und da besteht definitiv auch schon Interesse. Wir werden den Kontakt vertiefen. Wir brauchen jemanden, also einen Booker, der sich darum kümmert. Armin findet die Zeit nicht und ich finde sie auch nicht. Aber wir arbeiten daran. Wer also Interesse hat ein Skorbut Konzert zu organisieren, sollte uns einfach über unsere Myspace Seite kontaktieren und dann sehen wir weiter.

Leo: Vielen Dank, dass ihr heute die Zeit gefunden habt, mit mir das Interview zu machen.

Armin und Daniel: Ja gerne! Wir danken dir!

Leo: Habt ihr noch eine Art Lebenscredo oder eine Weisheit, die ihr den Hörern noch mit auf den Weg geben wollt?

Armin: Seid offen für alles.

Daniel: Genau, besonders für Skorbut. (lacht)

http://www.myspace.com/skorbutgermany