Lucy hat Sebastian ein wenig ausgequetscht und währenddessen einiges über die Band NOBLESSE OBLIGE in Erfahrung bringen können. Was es mit Guns'n'Roses, Champus in Moskau und dem Steppenwolf Award auf sich hat und ob er und Valerie auch privat ein Paar sind, könnt ihr nun im folgenden Interview erfahren.
Hallo Sebastian, vielen Dank, dass wir dich heute ein wenig ausquetschen dürfen! Wie kam es denn dazu, dass euer bereits erschienenes Werk „Privilege Entails Responsibility“ nun wieder veröffentlicht wird?
Sebastian: Das Album wurde 2006 nur in Grossbritannien veröffentlicht und war in Deutschland und dem Rest Europas nur als teurer Import erhältlich und dann schnell ausverkauft. Leider ging kurz nach der Veröffentlichung unser damaliges Label pleite, darum war die Platte auch lange unerhältlich. Nun ergab sich die Gelegenheit, während wir an unserem neuen Album arbeiten, mit RepoRecords die Platte wiederzuveröffentlichen - wir freuen uns, dass sie nun endlich wieder überall erhältlich ist.
Es gibt allerdings noch eine Menge Bonusmaterial darauf. Worum handelt es sich dabei?
Sebastian: Unter den Bonustracks befinden sich 2 Coverversionen, die wir für Edwin Brienen’s Film L’Amour Toujours – in dem wir übrigens auch selber mitspielen – aufgenommen haben, sowie 8 Remixe befreundeter Bands und Musiker. Dieses Bonusmaterial hat sich über die letzten 2 Jahre angesammelt und jetzt auf diesem Wege endlich zu einer Veröffentlichung geschafft.
2008 habt ihr auch eine CD namens „In Exile“ veröffentlicht. Worum handelt es sich darauf?
Sebastian: In Exile wurde unmittelbar nach unserem Umzug von London nach Berlin aufgenommen. Tatsächlich fühlten wir uns zu der Zeit wie im Exil, es dauerte eine Weile, bis wir uns in Berlin eingelebt hatten. Es ist ein sehr vielseitiges aber durchgängiges Album geworden, auf dem wir die Ideen und Herangehensweisen der Lieder auf P.E.R. auf subtilere Weise weiterentwickelt haben – eine Reise mit Huldigungen an unsere diversen musikalischen Einflüsse.
Gibt es stilistische Unterschiede zwischen den beiden Alben?
Sebastian: Es herrschten ganz verschiedene Umstände während der Aufnahmen der beiden Alben. Während wir auf P.E.R. unseren ersten kreativen Impulsen freien Lauf liessen, wollten wir uns für In Exile in eine traditionelle Studiosituation begeben und tiefer in das Liederschreiben eingehen. Daher klingt P.E.R vielleicht etwas spontaner und frecher, In Exile etwas entwickelter und erwachsener. In beiden steckt derselbe Geist, wir wollen uns aber auch auf jedem Album weiterentwickeln.
Wie habt ihr euch eigentlich kennen gelernt?
Sebastian: Während eines Maskenballs in London sah ich, wie Valerie eines ihrer Theaterstücke als Femme Façade auffuehrte und wusste, dass ich mit ihr arbeiten wollte. Es stellte sich dann auch sofort heraus, dass wir uns in Sachen Vorlieben für Musik, Filme, Cointreau und Sinn für Humor sehr gut verstanden. Kurz danach begannen wir dann schon im Schlafzimmer meiner kleinen Wohnung zusammen Musik zu machen.
Auf dem aktuellen Longplayer sind einige Tracks zu hören. Um genauer zu sein, auf CD1 sind es 12 Tracks. Musikalisch gehen sie in verschiedene Genres. Ist das bewusst oder habt ihr euren eigenen Stil noch nicht gefunden?
Sebastian: Wir haben einfach keine Lust, dasselbe Lied zweimal zu schreiben und durch unsere Begeisterung für viele Musikstile und Einflüsse von so vielen Elementen die einen prägen, entsteht dann natürlich auch die Lust, mit all diesen Elementen zu arbeiten. Wir lassen bei jedem Lied unserer Lust und Instinkt freien Lauf, ohne dabei an andere Lieder bewusst anzuknüpfen. Trotzdem entsteht in diesem Chaos immer eine Reise, die durch das Album führt.
Es liegt wie erwähnt Bonusmaterial vor. Wie kam es denn dazu, dass Bands oder Künstler wie En Esch, Mona Mur, Laurent Ho oder beispielsweise auch Mark Reeder Remixe beisteuerten?
Sebastian: Es handelt sich bei den Remixern um gute Freunde und Kollegen, die uns ihre Dienste als Remixer angeboten, und wir dankend angenommen haben! Für manche der Remixer haben wir selber auch schon Remixe produziert, wie z.B. Musiccargo und Mona Mur. Mit denen haben wir sozusagen Remixe ausgetauscht.
Ihr habt auch selbst einen Remix vom eigenen Material gemacht. Und zwar bekam der Song „Tanz Mephisto“ ein neues Gewand von euch. Wie kam es dazu?
Sebastian: Tanz Mephisto hat als Lied wirklich viele Entwicklungen durchgemacht, bis wir uns für die Variante, die es auf’s Album geschafft hat, entschieden haben. Dabei handelt es sich um eine sehr musikalische Version, die von der Dynamik her auf In Exile passte. Mit unserem Remix wollten wir nochmal eine club-tauglichere Version produzieren, die die Schwerpunkte auf den elektronischen Teil und die Disco Elemente des Stücks legt.
Nun habt ihr ja kürzlich den russischen Steppenwolf-Award gewonnen. Was könnt ihr uns über die Teilnahme bzw. die Nominierung zu dieser Teilnahme berichten?
Sebastian: Es handelt sich dabei um einen Musikpreis, der von dem Russischen Journalisten und Schriftsteller Artemyi Troitsky jedes Jahr in Moskau verliehen wird. Er schrieb uns an und sagte, In Exile sei sein Lieblingsalbum des Jahres 2008 gewesen. Wenige Wochen später nahmen wir auf einer grossen Veranstaltung mit Dutzenden Kameras und VIP Gästen den Preis entgegen, und spielten am nächsten Tag auch noch ein Live Konzert im Moskauer Museum für zeitgenössische Kunst.
Und wie war es für euch, Acts wie Guns’n’Roses oder Pete Doherty auf die Folgeplätze zu verweisen?
Sebastian: Ich würde lügen, wenn ich behauptete, dass sich das nicht gut anfühlte.
Habt ihr diesen Erfolg ausgiebig gefeiert?
Sebastian: Ich erinnere mich vage an eine lange Nacht durch Moskau per Minibus, beladen mit netten Menschen, und einem Kofferraum voll mit warmem russischen Champagner...
Meint ihr, diese Errungenschaft hat positive Folgen auf eure weitere musikalische Laufbahn?
Sebastian: Das würde mich freuen. Wir wollen unbedingt zurück nach Russland!
Was macht ihr neben Noblesse Oblige eigentlich noch so an musischen Sachen?
Sebastian: Mit meinem Freund Ralf Beck alias Unit 4 betreibe ich ein weiteres Musikprojekt namens Der Räuber und der Prinz. Demnächst veröffentlichen wir unsere zweite Twelve inch auf dem Düsseldorfer Label Amontillado Music. Ausserdem produziere und arbeite ich in meinem Studio regelmässig mit anderen Bands, mache Remixe und schreibe Filmmusik. Und wir legen beide regelmässig als DJs auf, zum Beispiel im Londoner Fetisch Club Torture Garden und in vielen Berliner und Pariser Clubs. Valerie ist eine gelernte Schauspielerin und führt noch regelmässig als ihr Alter Ego Femme Facade in Clubs und Theatern Shows auf, zuletzt zum Beispiel in den Berliner Sophiensaelen.
Ihr habt auch eine Menge Konzerte gegeben! Dabei ist eine äußerst beachtliche Menge von 300 Gigs in vier Jahren zusammengekommen. Wo ward ihr denn überall?
Sebastian: Wir waren bisher in England, Frankreich, Spanien, Italien, Holland, Belgien, Rumänien, Russland, Polen, Tschechien, Dänemark, Schweden, Griechenland und, das war natürlich die Krönung, Brasilien.
Und wie habt ihr das alles realisiert?
Sebastian: Live Spielen ist uns sehr wichtig, daher haben wir von Anfang an Auftrittsmöglichkeiten gesucht und gefunden. Anfangs spielten wir viele Support slots für Bands wie z.B. Dresden Dolls und Vive La Fete. Im Laufe der Zeit und nach den ersten Veröffentlichung kamen dann viele Anfragen aus ganz Europa hinzu. Seit 2008 arbeiten wir mit der Hamburger Konzertagentur A.S.S. Concerts.
Wie ist es, auf Tour zu sein? Ist man da nach einem Gig schon beim nächsten oder wird erst mal ausgiebig gefeiert?
Sebastian: Wir können beide sehr schlecht Nein sagen!
Und gibt es da auch so etwas wie Heimweh?
Sebastian: Nein. Heimweh und Rock n Roll gehören nicht zusammen.
Seid ihr nur musikalisch ein Paar oder auch im reellen Leben, wenn ich fragen darf?
Sebastian: Wir sind sehr eng befreundet – muss man auch sein, wenn man nur zu zweit in der Band ist, denn wir stecken wirklich viel Zeit und Energie in unsere gemeinsame Arbeit. Zum Glück verstehen wir uns meistens sehr gut!
Wird es denn auch zum Neurelease wieder Konzerte geben? Wenn ja, wo kann man euch überall sehen?
Sebastian: Es sind diverse Auftritte in Planung, bestätigt sind schon Konzerte in Deutschland, England und Osteuropa, sowie ein Festivalauftritt in Brasilien.
Und wie kann man sich einen Auftritt von euch vorstellen? Was passiert auf der Bühne?
Sebastian: Davon sollte sich jeder selbst ein Bild machen. Wir spielen unsere Musik mit Leidenschaft und ich denke, das sieht man bei unseren Konzerten auch. Wir versuchen, die Energie und Stimmung der Lieder auf der Bühne optisch und klanglich so Live wie möglich umzusetzen. Technisch stellt dies natürlich manchmal ein Problem dar, da sich viele Stücke mit nur 4 Händen nicht spielen lassen. Teilweise werden die Arrangements und Instrumentierung für Live Auftritte auch verändert, so dass viele Stücke Live anders als auf Platte klingen. Es ist vor allem auch für uns immer aufregend, die Stücke für Live shows umzuarbeiten, so wird uns das Material nie langweilig.
Habt ihr auch Gastmusiker an Bord oder steht ihr allein auf der Bühne?
Sebastian: Wir waren immer zu zweit, und werden es auch immer bleiben. 2 Leute können ganz schön viel Krach machen.
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Bereits für Anfang 2010 ist euer dritter Longplayer geplant. Arbeitet ihr aktuell schon am neuen Material?
Sebastian: Viele Lieder haben wir schon geschrieben, demnächst werden wir mit den Aufnahmen beginnen. Wir beschäftigen uns viel mit dem Thema Mystik und Okkultismus, der Literatur von Aleister Crowley, sowie anthropologischen Studien über Magierituale, dem Umgang mit Spiritualität in diversen Kulturvölkern, besonders dem Haitianischen Voodo. Diese Themen werden sich musikalisch und textlich wie ein roter Faden durch das Album ziehen.
Kommen wir noch einmal auf das aktuelle Album zu sprechen. Gesignt seid ihr bei RepoRecords. Welche Vorteile hat ein Label für euch?
Sebastian: Ein Label zu haben ermöglicht es uns, uns weitestgehen auf das Musikmachen zu konzentrieren. Natürlich sind wir auch eine sehr selbstständige Band und kümmern uns um unsere Online Präsenz, Tourplanung mit unserer Konzertagentur undsoweiter, aber unser Label übernimmt die Arbeit der Veröffentlichung, Promotion und Vertrieb unserer Musik. Wir sind froh, so ein Team hinter uns zu haben und sehr glücklich über die erfolgreiche Zusammenarbeit.
Die Artwork ist auch außerordentlich schick gelungen. Wer zeichnet sich dafür verantwortlich?
Sebastian: Das Artwork machen wir immer selbst. Wir sehen uns als Band mit einem Gesamtkonzept, welches wir nur selbst gestalten können.
Gehen wir doch einmal einzelne Titel der aktuellen CD durch. Was könnt ihr uns zum Titel „Bitch“ verraten. Wer hat den Text verfasst und wer die Musik dazu?
Sebastian: Das ist das erste Lied, dass Valerie mir auf ihrem kleinen Keyboard vorspielte, als ich sie grad kennengelernt hatte, und wir dann zusammen weiterentwickelt haben. Es ist eine kompromisslose, einfache Partynummer in der Valerie von den Alltagsgedanken einer Bitch erzählt. Das war 2005 unsere erste Single.
Was kann man unter dem Titel „Offensive Nonsense“ verstehen?
Sebastian: Eine Londoner Zeitung veröffentliche 2004 einen Leserbrief, in dem sich jemand über einen unserer Auftritte ärgerte und jenen als Offensive Nonsense, also beleidingenden Unsinn beschrieb. Wir fanden den Ausdruck sehr lustig und entschlossen uns, unsere kleine misanthropische Anarchonummer so zu benennen.
Der Song „Daddy“ ist textlich gesehen schon ganz schön hart, meint ihr nicht, dass es da zu negativer Kritik kommen könnte?
Sebastian: Bestimmt. Es geht in dem Lied um ein sehr ernstes Thema, welches in der Popmusik nicht oft behandelt wird.
„Was keine Zeit zerstöret“ ist ein genialer und teilweise schon sehr kranker Song. Er hebt sich sehr vom Rest des Albums ab. Wie ist dieser Song entstanden?
Sebastian: Es handelt sich bei dem Text um ein Gedicht des grossen Hoffmann von Fallersleben, der interessanterweise auch das Lied der Deutschen, also den Text der Deutschen Nationalhymne geschrieben hat. Das Gedicht handelt von der an Wahnsinn grenzenden Liebe, ein zentrales Thema in vielen unserer Stücke. Nachdem ich es las, wollte ich es unbedingt vertonen.
„Quel Genre De Garcon“ ist halb deutsch, halb französisch. Wie kamt ihr auf die Idee, einen Song bilingual zu schreiben?
Sebastian: Wir sind beide mehr als billingual, daher ist es für uns natürlich, ein Lied in mehr als einer Sprache zu singen. Es kam in diesem Fall einfach ganz natürlich so.
Und was könnt ihr uns zum Song „Nighttrain To Krakow“ verraten? Seid ihr denn schon einmal selbst in einem Nachtzug nach Krakow gefahren?
Sebastian: Valerie erzählte mir von einer sehr romantischen Nachtzugfahrt von Budapest nach Krakau, die sie mal erlebt hat....das war der Anlass für das Lied, in dem es, mal wieder, um eine unmögliche Liebe geht.
Vielen Dank für eure Antworten. Zum Abschluss interessiert mich noch, welche Message ihr mit eurer Musik, euren Texten an die Hörer sendet?
Sebastian: Adel verpflichtet!
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