Hallo Tyler, hallo David, schön, dass ihr euch ein wenig Zeit nehmt. Eure Gründung lässt sich bereits auf 1993 zurück datieren. Wie habt ihr damals entschlossen, gemeinsam zu musizieren?
David: Das ursprüngliche Line-Up der Band bestand aus Matt Crofoot und mir. Wir haben uns irgendwie aus Spaß getroffen und zusammen Musik geschrieben. Obwohl wir beide eigentlich musikalisch ähnliche Ziele verfolgten, hatten wir doch weit unterschiedliche Fähigkeiten Methoden. Die Resultate waren weitaus großartiger als die Summe der Einzelteile.
1997 erfolgte der erste Release. Was habt ihr gefühlt - nachdem es so lang gedauert hatte - diese CD endlich in Händen zu halten?
David: Nun, die acht Stücke fassende selbstveröffentlichte Version von „Direct Memory Access“ kam im Jahr 1995 heraus. Ich erinnere mich ganz gut, daß es das Gefühl war, endlich die Früchte harter Arbeit in Händen zu haben. Es war schon irgendwie unbeschreiblich. Unnötig zu sagen, daß wir uns großartig fühlten, aber zugleich auch unsicher, wohin uns der weitere Weg führen würde. Ich denke, tief in uns wußten wir, dass es der Anfang etwas ganz Großem war.
Worin besteht der Unterschied zwischen eurem Debütalbum „DirectMemoryAccess” und “DirectMemoryAccess v2.0”, welches zwei Jahre später, also 1997, erschien?
David: Als uns Metropolis-Records und gesignt hatten, wollten sie DMA als ein Album mit voller Spielzeit und fragten uns deswegen, ob wir zwei weitere Tracks hinzufügen könnten. Wir haben also Human Nature geschrieben und das Stück Violation fertiggestellt, welches wir damals von der ursprünglichen EP geworfen hatten, weil wir nicht 100%ig zufrieden damit gewesen waren. Abgesehen von diesen beiden Tracks ist eigentlich der einzige Unterschied, daß wir ein Video von „At your command“ als Datenteil der CD dazugepackt haben.
Danach folgten die Alben: Syntax, Nymphomantik, RE:VISION und Beyond. Könntet ihr uns mite in paar Worten jades einzelne dieser Alben beschreiben?
Tyler: Syntax hat uns in der Clubszene mit einigen Songs bekannt gemacht, es war aber auch ein recht unstetes Album zum anhören. Nymphomatik war ein eher sexuell gefärbtes Konzeptalbum, das wirklich nur auf die Tanzfläche abzielte. Re:Vision war irgendwie ein Split-Album. Mit ein paar neuen Songs und einigen Überarbeitungen von Material älterer Alben. Beyond ist unser erstes Werk, daß sich mehr von Clubmusik zu langsamerem und gefühlvollerem Sound hinbewegte. Es ist definitiv mein persönlicher Favourit aller unserer Aufnahmen.
Informatik ist ein sehr weit gefächerter Begriff. Seid ihr selbst Informatiker?
David: Um ehrlich zu sein, Matthew und ich haben den Bandnamen ausgesucht und waren uns überhaupt nicht bewußt, daß es in einer anderen Sprache eine solche Bedeutung hat. Ich dachten einfach nur, daß es wie ein sehr interessantes Wort klingt.
Informatik ist zu definieren mit „Automatischer Informationsverarbeitung“. Inwieweit verbindet sich diese Aussage mit der Entstehung eurer Musik?
David: Das ist keine große Verbindung. Wir wurden uns dessen ja erst später bewußt. Ich denke, von einem rückblickenden Blickwinkel aus könnte man sagen, daß wir die Band Informatik genannt haben, weil wir Musik mit Hilfe von Computern machen.
Ihr nennt Eure Musik ja auch „Electronic Arena Rock“. Was denkt ihr ist denn eher die Rockmusik-Komponente und was ist eher der Electro in Eurem Sound? Und wie schafft Ihr es, die beiden Welten miteinander zu einem Ganzen zusammenzubringen?
Tyler: Für mich gibt das da eigentlich keinen Unterschied...Unser Musik ist gemacht eine Message und Emotion zu transportieren.. Der Klang und die Werkzeuge, die wir dafür benutzen, um das umzusetzen, werden mehr und mehr uninteressant für uns. Wir haben eine klangliche Idee in uns und wir fangen einfach an, einen Song zu schreiben. Wir machen einfach das, was notwendig ist, diese Idee umzusetzen. Manchmal ist ein eher „traditioneller“ Rocksound nötig, um auf den Punkt zu kommen, ein anderes Mal kommt der Riff halt von einem Synthesizer. Die wichtigstes Sache ist jedoch, daß wir die Verbindung zwischen uns und dem Hörer schaffen.
Kommen wir einmal zu euren weiteren Projekten: “din_fiv” und “Battery Cage”. Wie lassen sich diese beiden denn ganz kurz beschreiben?
Tyler: Nun, din_fiv begann als ein viel härteres EBM-Projekt mit dem „Infinity“-Album und mit einigen Clubsongs, die Leuten gefallen dürften, die Leaetherstrip oder die älteren Skinny-Puppy-Sachen mögen. Ich mag das Album, aber das zweite din_fiv-Album „Escape to reality“ war viel weiterentwickelt. In vielerlei Hinsicht ist das sicher der fehlende Baustein zwischen „Syntax“ und „Nymphomatik“. Das Songwriting und der textliche Inhalt war wirklich meilenweit bahnbrechender als alles, was in dieser Zeit (1999-2000) veröffentlicht wurde. Und ich habe immer gedacht, daß es eigentlich als ein weiteres klassisches Futurepop-Album neben den damaligen VNV und Apoptygma Berzerk-Veröffentlichungen zählen müßte.
David: din_fiv ist ein rein elektronisches Nebenprojekt, mit dem ich alles das musikalisch und textlich sagen kann, was ich ausdrücken will. Es ist auf jeden Fall beeinflußt von den Dark-Electro-Sounds wie Mentallo & The Fixer, Decoded Feedback und Pulse Legion. Tyler’s Band, Battery Cage, hat sich über die Jahre drastisch verändert. Angefangen von einem Techno-Industrial-Vorschlaghammer hin zu einer eher Konzept-SpaceRock-Band. Ein großartiges Beispiel ist z.B. A Young Person’s Guide To Heartbreak – ein sehr zwiespältiges und konzeptionelles Album, daß dem Normalhörer vollkommen verloren geht, der die fehlenden Stücke nicht kennt, die nur auf der Single enthalten sind. Das komplette Werk, wie es eigentlich angelegt war, hätte sich über 90 Minuten erstreckt. Niemand hat heutzutage noch die Zeit oder die Konzentration, sowas ernsthaft und intensiv anzuhören. Heute sind die Leute daran gewöhnt, die Erfahrung eines ganzen Albums auf den Kauf eines einzelnen Tracks bei iTunes zu reduzieren.
Ihr beschreibt Euren Stil als „Emotionale Elektronik“. Über welche Emotionen schreibt ihr denn besonders gern?
David: Liebe und Verlust. Hoffnung und Angst. Die Grundlagen. Prinzpiell schreibe ich über daß, was ich zu einem bestimmten Zeitpunkt tatsächlich fühle, auch wenn ich es aus der Vergangenheits- oder einer fiktiven Perspektive erzähle.
Wie würdet ihr das neue Informatik-Album „Arena“ mit seinen „emotionalen Electronics“ in Hinsicht auf Aristoteles’ Rhetorik der Gefühle interpretieren?
Tyler: Ich bin nicht mit Aristoteles vertraut, aber ich denke, das Album spricht direkt zum Hörer. Emotion ist eine universelle menschliche Erfahrung. Ich kann nur sagen, daß wir versuchen Musik zu machen, die jeden anspricht, egal welcher Nationalität oder Muttersprache. Das Ziel ist es, den Geist zu umgehen und die Musik direkt ins Herz fließen zu lassen, zum emotionalen Inneren des Hörers.
Wenn Informatik ein Kuchen wäre, welche Zutaten mußten dann drin sein?
David: Alles vegetarische Zutaten!
Ihr selbst bezeichnet Bands wie IRIS oder auch Depeche Mode als Einflüsse. Inwieweit fließen diese in eue Musik ein?
Tyler: Wenn du Dark Electronic Rock machst, dann ist es für die Leute immer schwierig, sich aus dem Schatten von Depeche Mode zu lösen. Ich denke, der Einfluß von Depeche Mode oder IRIS ist einfach, daß wir deren Songs mögen. Ich bewundere deren Songwriting-Fähigkeiten. Aber ich ich würde Informatik bei weitem nicht als weiteren „Depeche Mode Clone“ bezeichnen. Wir sind gut befreundet mit IRIS, und es ist uns wichtig, daß wir nicht einfach kopieren, was sie so machen. Wir haben unseren eigenen Stil und packen ihn in unser Grundgerüst aus breitgefächerter Elektronik. Das hilft uns, uns von ihnen abzuheben. Ich denke für mich, daß das Leben ansich der größte Einfluß ist, den man für seine Musik haben kann. Die eher profanen täglichen Begegnungen, die wir jeden Tag in unserem täglichen Leben machen. Sie sind viel reichhaltiger als alle musikalischen Quellen, von denen man Inspiration bekommen könnte. Die Musik, die wir aus Spaß anhören, hat wenig damit zu tun, was wir selbst an Songs schreiben.
Dem Pressetext entnehme ich folgenden Slogan „Klangforscher mit Kopf und Herz“. Wie darf man das denn genauer verstehen?
David: Unsere Hauptaussage ist das Wissen, daß jede Realität vollkommen subjektiv ist. Wir verweigern uns anzuerkennen, daß die Welt um uns herum existiert. Stattdessen schaffen wir uns unsere eigenen Bedeutungen und Definitionen.
Euer aktuelles Album hört auf den Namen „Arena“. Was vermittelt ihr uns mit diesem Titel?
David: Es geht eigentlich nur um das Tanzen zum Rhythmus deines eigenen Herzschlages.
Tyler: Für mich ist es eine Aussage zu unserem Versuch, die höchste Stufe unseres eigenen Selbst zu erreichen.
Es ist also ein Konzeptalbum?
David: Nicht wirklich, eher eine musikalische Collage.
Tyler: Das stimmt. Es war nie als ein traditionelles Konzeptalbum angelegt. Ich würde da z.B. keine externen Remixes mit einbauen.
Auf wen bezieht sich speziell „Come Together“?
David: Der Song ist einfach komplett sexuell und buchstäblich gemeint. Das ist nichts metaphorisches an diesem Stück.
Welches Nutzen zieht ihr aus der „Nutzung des Unbewußten“, der Emotion, für Eure Musik?
Tyler: Mein Ziel im Studio ist es, einfach zu vermeiden, daß das Bewußtsein meine Aktivität lenkt. Wenn ich versuche, einem Song eine bestimmte Form aufzuzwingen, Dinge zu sehr zu analysieren, dann verliere ich oft den Kern des Stückes für immer. Ich glaube, die besten Resultate erziele ich, wenn ich einfach die emotionale Kraft des Universum durch mich durchfließen lasse. Meistens muß ich einfach nur mein „Selbst“ aus dem Weg schaffen. Das ist interessanterweise sehr paradox, und viele Musiker kommen an diesen Punkt glaube ich: Die entspannteste und sinnloseste Arbeit bringt oft die größten Resultate. Und je intensiver man arbeitete, umso wahrscheinlicher wird’s, daß am Ende etwas herauskommt, was nicht wirklich befriedigend ist. Natürlich sind nicht alle Sachen, die ich mache, geeignet für einen „Informatik-Sound“, aber das wichtigste ist einfach, den Fluß der Kreativität am Laufen zu halten – um immer offen zu sein für die Dinge, die das Universum für uns bereit hält.
Der Track „The World Belongs To Us“ ist ein Live-Titel und wurde in Budokan aufgenommen. Was ist Budokan genau und welche Erinnerungen habt ihr an diesen Gig?
David: Dieser Song ist eigentlich ein Studiotrack. Wir nennen ihn „Live in Budokan“ weil das der Klang war, den wir schaffen wollten. Das ist der Klang vergangener Tage, als Alben noch live vor einem großen Publikum in berühmten Locations aufgenommen wurden. Das ist unser Versuch ironischer Nostalgie.
„It Was Like I Was Dreaming“ ist auch ein sehr interessanter Titel. Welche Träume habt ihr persönlich?
Tyler: Der interessante Aspekt an diesem Song ist eigentlich, daß er aus der Idee heraus entstand, daß Träume Tore zu einer alternativen Realität darstellen, in die du kurz einen kleinen Blick auf eine mögliche andere Version deiner eigenen Existenz werfen kannst. Ich mag diese Vorstellung sehr!
„The End“ wurde bewusst als letzter Track auf der Scheibe ausgewählt?
Tyler: The End wurde in der Zeit des Beyond-Albums geschrieben. Aber es passte nicht in die Gesamtatmosphäre des Albums. Für mich ist dieser Titel eher ein Zeichen dafür, daß wir gebrochen haben mit dem Schreiben von „Industrial-Music“ und uns heute in eine andere Richtung bewegen. Er war das Produkt eines einfachen Herumspielens in Studio und es hat richtig viel Spaß gemacht, diesen Song zu machen. Aber wahrscheinlich ist es ein Stil, den sich so nie wieder machen würde. Er ist auf jeden Fall nicht der letzte Song von Informatik!!! Ich denke, er hat nur eine gewisse epische Komponente, sodaß er perfekt als Ende für Arena gepaßt hat.
Eure Titel sind verschieden abgemixt. Was bedeuten die Formulierungen „Stadium Mix“, „The Synthetic Dream Foundation Mix“, „More Cowbell Mix“, „Pulse State Mix“ und „Arena Mix“?
Tyler: Als wir an „Arena“ gearbeitet haben, dachten wir, es wäre eine gute idee, einen Publikumsremixwettbewerb zu machen. Wir wollten den Leute die Möglichkeit eröffnen, ein paar Songs zu remixen. Wir haben dafür zwei Songs von Beyond zur Verfügung gestellt und haben den Leuten gesagt, daß der Gewinner auf Arena veröffentlich werden würde. Zwei Bands waren die Gewinner: Pulse State und The Synthetic Dream Foundation. Die restlichen Teilnehmer wurden als kostenloser Digitaldownload veröffentlicht – auf unserer Webseite. Die „Stadium“ und „Arena“-Mixe sind einfach in der Gedankenwelt unseres Albums und der Musik dazu entstanden, wo wir älteres Material in unserem aktuellen Sound verarbeitet haben und zu einem Höhepunkt gebracht haben.
„Don’t Be Afraid“ ist gemixt von Claire Voyant, eine Electro-Alternative Band ebenfalls aus Californien. Wie kam es zu diesem Mix?
Tyler: Claire Voyant sind Freunde von uns, wir lieben deren Musik. Der Song Don’t be afraid war eigentlich für Beyond geschrieben worden. Und wir dachten uns, daß es für Claire Voyant besonders interessant sein würde, diesen Song zu bearbeiten, um zu sehen, wie sie ihn mit ihrem eigenen Stil vermischen würden. Obwohl wir komplett andere Erwartungen an das Resultat hatten, sind wir damit mehr als zufrieden. Ich freue mich schon darauf, ihnen eine Remix machen zu dürfen!
Wie fühlt Ihr Euch dabei, jetzt erstmals mit Informatik in Europa live zu spielen?
David: Ich denke, ich spreche für uns beide, wenn ich sage, daß wir furchtbar aufgeregt sind. Das ist etwas, was wir schon seit so langer Zeit einmal machen wollten!
Was ist sonst noch für die Zukunft geplant?
Tyler: Wir planen bereits am Nachfolgealbum von Arena. Sobald wir aus Europa zurückkommen, geht es los. Wir haben schon ein paar Ideen über die musikalische Richtung, aber das ist noch zu früh, um irgendetwas konkretes zu sagen. Ich weiß es nie genau, bis ich wirklich im Studio sitze. Ich kann nur soviel verraten: Ich erwarte mehr Emotion, mehr Dynamik, mehr Herz und bessere Songs! Zwischenzeitlich habe ich aber auch eine Anzahl anderer Projekte, an denen ich arbeiten will. Ich bin immer ziemlich beschäftigt!
Vielen Dank für das Interview! Wir wünschen viel Spaß und Erfolg auf all euren Wegen!
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