Interview mit Hioctan

Rubrik: Interview

Das norddeutsche Projekt HIOCTAN bringt mit „Under Control“ sein drittes Album heraus. Wir nutzten die Gelegenheit, um Fiet und Michael einmal darüber auszuquetschen. Was die beiden außerdem über die Gesellschaft, die Kirche und Kontrolle an sich zu sagen haben und was euch die beiden für mit auf den Weg geben wollen, könnt ihr dem folgenden Interview entnehmen.

Hioctan - Under Control (CD)

Hallo ihr beiden! Schön, dass wir heute etwas miteinander plaudern können! Wie habt ihr beiden euch kennen gelernt und wie fing alles an?

Michael: Den Fiet kenne ich seit mittlerweile 7 Jahren. Kennen gelernt haben wir uns über meinen damaligen Live-Keyboarder Thoralf, der mittlerweile sein eigenes Projekt Jäger 90 erfolgreich betreibt. Da Fiet stets loyal zu Dark-Electro und Hioctan stand, habe ich ihn gebeten, als Live-Keyboarder zu fungieren. Gemeinsam haben wir seitdem einige großartige Konzerte bestritten. Die Meinung von Fiet wurde mir zunehmend wichtiger und da er selbst Betreiber der Dark-Electro-Formation TOTALVERLUST ist und weiß worauf es ankommt, hat er mich bei der Produktion des aktuellen Albums „UNDER CONTROL“ unterstützt.

Interview mit Hioctan

Wenn ihr Hioctan mit drei Worten beschreiben müsstet, welche wären das?

Michael: Wir machen ehrliche Musik für ehrliche Menschen. Folgende drei Worte würden es wohl treffen: authentisch, unkonventionell, vielschichtig

Fiet: Individuell, energisch, ehrlich.

Bereits 1999 gegründet, seid ihr nun auch keine Newcomer mehr. Wie seht ihr euren Fortschritt von damals bis heute?

Michael: In den Jahren 1999 bis 2002 haben wir viele Sachen ausprobiert, um unseren Stil zu finden. Damals hat sogar eine Frauenstimme ihren Platz in unserer Musik gefunden. Rückblickend betrachtet, war es sicherlich nicht schlecht, was wir damals gemacht haben, doch sind wir mit dem, was Hioctan heute repräsentiert, weitaus zufriedener. Zusammenfassend kann ich sagen, dass sich der Stil seit der ersten Veröffentlichung „Headscan“ im Jahr 2003 keiner großen Wandlung unterzogen hat. Ein Unterschied zwischen der neuen Veröffentlichung „Under Control“ und den beiden vorangegangenen Alben ist, dass wir viel Zeit mit dem Audio-Engineering – also der Nachbereitung der einzelnen Spuren – verbracht haben, um dadurch einen noch transparenteren Sound zu erzeugen.

„Under Control“ ist euer nunmehr drittes Album. Es lässt sich einiges in den Titel hineininterpretieren. Ich vermute, dass es hier um die Gesellschaft geht... Liege ich richtig?

Michael: Nicht ganz. Der Albumtitel „Under Control“ ist dem gleichnamigen Song auf der Platte entliehen. Er behandelt eines unserer Lieblingsthemen. Die USA als Weltpolizei. Engagiert sorgt sie sich um das Wohlergehen aller Menschen auf dieser schönen Erde. Hierbei wird dem Schurken – wenn es sein muss – auch mit Waffengewalt die neue Weltordnung aufgezwungen. Kollateralschäden und die Wahrung eigener Interessen werden gerne in Kauf genommen. Nach Abzug der Truppen ist die Lage zumeist NICHT „Unter Kontrolle“, sondern der geschürte Hass gegen die Westliche Nation umso größer.

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Welche Stilmittel nutzt ihr, um die Gesellschaftskritik in eurer Musik auszudrücken?

Michael: Ich weiß nicht, ob man überhaupt in der Lage ist, durch bestimmte Stilmittel oder Instrumente gesellschaftskritisch zu sein. Doch wenn, dann sind es bestimmt unsere Pauken und Pan-Flöten, die wir stellenweise verwenden. :) Nein, eigentlich sind es unsere Texte alleine, die bestimmte Umstände oder Geschehnisse in der Vergangenheit anklagen.

Was meint ihr, wo könnte sich Amerika von Deutschland eine Scheibe abschneiden und umgekehrt?

Fiet: Die Frage ist sehr interessant, bedenkt man, dass Deutschland eine amerikanische Kolonie ist. Kulturell und kulinarisch könnte der Ami sich z. B. etwas von uns annehmen. Dagegen sollten wir in Deutschland die Todesstrafe einführen und auch sonst mehr gegen die Kriminalität durchgreifen. Auch den Patriotismus und die Meinungsfreiheit hat der Ami uns Voraus….

Meine Latein-Kenntnisse reichen leider nicht sehr weit... PAX VERITAS, lässt sich das mit „ein Stück Wahrheit“ übersetzen? Wenn ja, um welches „Stück Wahrheit“ geht es in dem gleichnamigen Song?

Michael: „Pax Veritas“ bedeutet soviel wie der „wahre Frieden“ und ist als Gegenstück zu unserem Song „Pax Americana“ = „amerikanischer Friede“ zu verstehen. Der Begriff „Pax Americana“ beschreibt den Gestaltungsanspruch der Westlichen Nation hinsichtlich der neuen Weltordnung. Durch die Vorherrschaft der USA soll die globale Dominanz der Westlichen Nation wenn notwendig durch Waffengewalt demonstriert und herbeigeführt werden. Ganz im Gegensatz dazu steht „Pax Veritas“ = der „wahre Frieden“.

„Sonderbehandlung 14f13“ ist der einzige deutsche Titel auf „Under Control“. Warum ist dieser in deutscher Sprache?

Michael: Der Songtext ist auf Englisch. Wir haben aber ganz bewusst einen deutschen Songtitel gewählt, da „Sonderbehandlung 14f13“ von den Gräueltaten der Nazis auf deutschem Boden handelt.

Interview mit Hioctan

Und was bedeutet „14f13“, wenn ich fragen darf.... Ich erinnere mich an eine AKTION 14f13 im Deutschen Reich. Bin ich da auf dem richtigen Weg?

Michael: Genau gegen diese Aktion richtet sich der Text. Als Aktion „Sonderbehandlung 14f13“ bezeichneten die Nazis die Selektion und Tötung von KZ-Häftlingen. Zu Beginn des zweiten Weltkriegs richtete sich diese Aktion gegen kranke und arbeitsunfähige Häftlinge. Im späteren Verlauf des Krieges wuchs die Aktion 14f13 zur groß angelegten rassistischen Massenvernichtung.

Das NS-Regime liegt nun über 60 Jahre zurück und noch immer scheint das Thema nicht aus unseren Köpfen wegzudenken sein. Woran könnte das eurer Meinung nach liegen?

Michael: An diese Gräueltaten wird man sich hoffentlich noch in 1000 Jahren erinnern können. Solche abscheulichen Kapitel der Menschheit sollten nicht in Vergessenheit geraten. Auch um sich stets ins Gedächtnis zu rufen, was für eine Bestie der Mensch ist. Vielleicht kann es uns in der Zukunft helfen ein besserer Mensch zu werden. Die Zeit nach dem NS-Regime hat jedoch leider gezeigt, dass der Mensch nicht reif dafür ist. Ich würde mir wünschen, dass jeder Mensch mehr mit dem zufrieden ist, was ihm gegeben ist. Dann müssten wir uns nicht gegenseitig die Köpfe einschlagen und würden friedlich miteinander leben.

Fiet: Das Thema ist nach wie vor interessant… weil es besonders uns Deutsche betrifft und der Umgang damit immer noch sehr problematisch ist. Doch auch andere kriegerische Auseinandersetzungen und Diktaturen der Geschichte sind ein Thema.

„Aim Of Life“ handelt darum, den Anforderungen der Gesellschaft zu entsprechen. Um welche Anforderungen geht es hier genau?

Michael: Es ist doch so, das wir alle eine bestimmte Rolle in der Gesellschaft spielen und Dinge tun müssen, die wir mitunter gar nicht mögen. So geht der Großteil von uns – ich eingeschlossen – täglich zur Arbeit, um seinem Chef zu gefallen und höchstmögliche Gewinne einzufahren. Der Mensch häuft Luxusgüter an, die er eigentlich nicht braucht, misst sich selber am Erfolg seines Nachbarn und plant sein Leben, in der Hoffnung alles unter Kontrolle zu haben. Deswegen der Song „Aim of life“ und die damit einhergehende Frage: Wofür das alles? Am Ende wartet ja doch der Tod auf einen. Und wenn man sein Leben rückblickend betrachtet, stellt man fest, dass man es versäumt hat, sein Leben zu leben.

Was könnt ihr uns zum Titel „Damned Society“ verraten?

Fiet: In „Damned Society“ geht es mir darum, die Masse der Gesellschaft zu zeigen… in ihrer Anspruchslosigkeit, ihrer Angst, nachzudenken und zu kritisieren, die Meinung frei auszusprechen bzw. überhaupt eine zu haben. Man lässt sich von den Medien berieseln, passt sich Modetrends an… nimmt widerspruchslos Missstände hin und suhlt sich in seiner heilen Welt. Die Moral sowie individuelle Werte verkommen, die Jugend verwahrlost geistig. Die Armseligkeit schlechthin.

Um noch einen Titel aus den insgesamt 14 Stücken herauszupicken... Um welchen „Großen Betrug“ handelt es sich bei „The Great Deception“?

Fiet: Gemeint ist die Verlogenheit des Christentums, das sich trotz seiner unmenschlichen Geschichte und der Widersprüchlichkeit in sich leider immer noch großer Popularität erfreut… Gemeint ist auch der Betrug der Kirche an den Menschen und vor allem ihr eigener Selbstbetrug. Man verlässt sich auf Wunder und Hilfe von einer übernatürlichen Wesenheit, statt sein Leben selbst auf die Reihe zu kriegen und zu kämpfen. Man fügt sich in sein „gottgewolltes Schicksal“ und legt dieses in die Hände einer erfundenen Gestalt mit Zauberkräften. Man beichtet und hui – alle Schandtaten sind vergeben…auf ein Neues also! Wenn das nicht unmoralisch ist!

Wie seht ihr die momentane Situation der Musikszene? Ist sie eurer Meinung nach eher am Abkacken oder ist sie in der Blütezeit?

Fiet: Welche Musikszene? Die kommerzielle blüht auf, während die ursprüngliche, ehrliche verkommt.

Michael: Für mein Empfinden ist die Musikszene momentan eher an einem Tiefpunkt angelangt. Es ist zu beobachten, das sich viele Acts der Stilrichtung Techno bedienen und sich gegenseitig versuchen, an Aggressivität, Brutalität, einfachen Songstrukturen und sinnfreien Texten zu übertreffen. Mir persönlich fällt es schwer, eine Wertschätzung für Interpreten zu entwickeln, die sich einen halben Liter Blutimitat über den Kopf kippen und dazu mit einer Waffe posieren. Das ist für mich weder aggressiv noch einfallsreich. Auch ist es nicht authentisch oder ehrlich. Als Besucher von großen Festivals habe ich zunehmend das Gefühl, dass viele der Besucher weniger wegen der Musik, sondern eher wegen der Maskerade und der Schaustellerei anwesend sind. Das finde ich befremdlich.

Wenn ihr Bundeskanzler von Deutschland sein könntet, was würdet ihr tun?

Michael: So ein Amt will ich nicht. Ich glaube auch, dass eine Amtshandlung allein nichts verändern würde. Die Fäden sind bereits gestrickt.

Fiet: Da ich kein Politiker bin, kann ich das nur grob umreißen; soziales Unrecht stoppen und Leistungen gerecht verteilen, wieder in erster Linie im Sinne des Volkes handeln.. Meinungsfreiheit fördern und Intoleranz in jeglicher Form bekämpfen, Kriminalität hart bestrafen…

Und nehmen wir einmal an, ihr könntet in die Zukunft reisen, was würdet ihr als erstes tun?

Michael: Du hast Fragen. Vielleicht würde ich mir ja die Formel zur erfolgreichen Bekämpfung von Krebs in die heutige Zeit mitbringen.

Fiet: Darüber mache ich mir Gedanken, wenn es absehbar wird, dass ich so etwas noch erlebe.

Apropo Zukunft: Wie schaut es denn in der euren aus? Michael: Wir wollen viele Live Konzerte bestreiten. Nach getaner Arbeit und Veröffentlichung des neuen Albums wollen wir nun die Ernte – in Form von Kontakt zum Publikum – einfahren.

Vielen Dank für das interessante Interview und die aufschlussreichen Antworten. Habt ihr noch ein paar Worte für all die Leser da draußen?

Michael: Glaubt nicht alles, was man euch sagt. Habt Mut, es selber herauszufinden.

Fiet: Denkt nach, bevor ihr urteilt, lasst euch nicht bedenkenlos jeden Mist andrehen. Sagt eure Meinung und bleibt sauber!