Hallo und vielen Dank, dass ihr euch die Zeit nehmt, uns ein paar Fragen zu beantworten!
Zu Beginn des Interviews würde ich euch bitten, euch einmal kurz unseren Lesern vorzustellen.
Justin: Ich bin Justin Curfman, der Frontmann von Feeding Fingers. Die Band ist ein Trio bestehend aus mir, Todd Caras und Danny Hunt. Weil wir ein Trio von Multi-Instrumentalisten sind, ändert sich die Aufgabenaufteilung von Song zu Song und bei Live-Auftritten. Normalerweise bin ich für die Vocals, Gitarre, Bass und Keyboards zuständig. Todd ist meistens am Bass, Keyboard und seiner maßgeschneiderten Lichtanlage, während Danny fast immer an den Percussions ist.
Beschreibt uns mal mit eigenen Worten die Musik von „Feeding Fingers“.
Justin: Für mich klingt unsere Musik wie eine musikalische Illustration meiner Träume und meiner Beschäftigung mit allem möglichen, von vermissten Kindern, Entomophagie, Ertrinken, Sex und Dualität. Ich wünsche mir, dass unsere Musik nach einem so-akkurat-wie-möglichen Soundtrack meines unbewussten Lebens klingt. Ich bin kein sehr subjektiver Schreiber. Ich bevorzuge es, über unmögliche Leben und Situationen zu denken und zu schreiben. Dies ist die beste Möglichkeit meine Fantasie auszuleben – neben meiner Animationsarbeit.
Ich habe nie versucht, ein Genre zu suchen, in das ich hineinpasse – ich glaube nicht, dass viele Leute das machen. Aber es scheint, als ob wir eine kleine Nische für uns im Post-Punk/Dark Wave/ Death Rock Spektrum vom Goth-Alternative Genre gefunden haben – besonders in Europa.
Kanntet ihr euch schon vor der gemeinsamen Band und wie kamt ihr zu dem Entschluss, zusammen Musik zu machen?
Justin: Ich kannte Todd und Danny vorher gar nicht. Bevor ich die beiden traf, kannte ich eigentlich nur Musiker, mit denen ich als Teenager aufgewachsen bin, und für die ich produziert und aufgenommen hatte. Manchmal hatte ich als Ersatz Gitarre, Bass, oder Keyboard in Bands von Freunden mitgespielt, aber vor Feeding Fingers war ich nirgendwo wirklich kreativ beteiligt. Egal ob Musik, Literatur, Film oder Animation, normalerweise ist es so, dass, wenn ich nicht die Führungsrolle in einem kreativen Projekt innehabe, ich schnell mein Interesse daran verliere.
Todd und ich haben eine sehr natürliche kreative Chemie. Wir haben ähnliche musikalische Interessen und Einflüsse. Außerdem hat Todd viel mehr Erfahrung als ich, was es Auftritte und Zusammenarbeit mit anderen Leuten angeht, also haben wir einander bisher sehr gut ergänzt. Natürlich gibt es auch hin und wieder kreative Differenzen, aber das ist normalerweise sehr heilsam. Das gelegentliche Spiel des Nehmens und Gebens kann zu ein wenig Ärger und Frust und manch düsterer Stimmung führen, aber am Ende kommt meistens etwas heraus, das wir uns beide am Anfang nicht hätten vorstellen können oder in Erwägung gezogen hätten.
Dass Danny gut in unsere Gruppe passt, liegt hauptsächlich daran, dass er der fähigste und vielseitigste Schlagzeuger ist, den ich je getroffen habe. Danny kann sich adjustieren und in jedem Genre spielen. Dadurch ist er fähig, hier und da kleine Veränderungen vorzunehmen, wobei er sich jeder Schlagzeugerschule und -theorie bedient, und dadurch einen neue Sichtweise einbringt, die mir niemals in den Sinn gekommen wäre.
Die Entstehung von Feeding Fingers steht im Zusammenhang mit meinem psychologischen Drang, mich von einer Musiksammlung zu befreien, an der ich seit meinem 16. Lebensjahr immer mal wieder gearbeitet habe. Ursprünglich hatte ich vor, sie als Soundtrack für das Projekt eines Animationsfilms zu verwenden, das mir schon als Teenager vorschwebte, an dem ich aber letztendlich das Interesse verloren und das ich dann aufgegeben hatte.
2005 begann ich die Produktion eines Stop-Motion-Animationsfilm mit Puppen in Spielfilmlänge, „TICKS“, an dem ich heute noch arbeite. Ich hatte ungefähr zwanzig ergänzende Musikstücke in meinen Skizzenblock, auf Kassetten und Festplatten, die über eine Zeitspanne von fast zehn Jahren entstanden sind.
Ich entschied, dass „TICKS“ ein eigenständiger Film sein würde, und ich all meine bisherigen Vorstellungen verwerfen und noch einmal von vorne anfangen würde. Ich verstaute die ältere Musik in meinem Studio und entschied mich, sie nie wieder hervorzuholen.
Einige Monate später kaufte ich ein Haus in einem Vorort von Atlanta, GA (USA), das auf der gesamten unteren Etage Raum für Performance und Studio bot. Die ursprüngliche Idee hinter dem Kauf des Hauses war, dass ich genug Raum für meine Animations- und Musikprojekte haben würde, und anfangs widmete ich den Großteil meiner Zeit der Arbeit an „TICKS“. Aber der Anblick des Raumes und der Gedanke an die aufgegebene Musik weckten in mir den Wunsch, eine Band zu gründen und diese Musik live vor Zuhörern zu spielen, nur als kurzfristiges Experiment – sodass ich diesen Drang aus meinen Gedanken verbannen könnte.
Ich hatte vorher noch nie eine Band gegründet. Ich hatte zwar während meiner Teenagerjahre mit Leuten zusammengespielt und Musik komponiert, seit ich ein Kind war, aber dies war ein neuer und aufregender Anfang für mich.
Ich habe in Musikzeitschriften, auf Netzwerkseiten im Internet, etc., etc. Anzeigen geschaltet, in denen ich nach einem Bassisten und einem Schlagzeuger suchte, die Interesse daran hätten, in einer Band wie Joy Division, Cocteau Twins, Echo & the Bunnymen, und anderen zu spielen. Ein paar Tage später erhielt ich Anrufe und eMails und so ergab sich eins nach dem anderen.
Der erste Anruf kam von einem Bassisten namens Todd Caras. Zu der Zeit verbrachte ich meine Abende in einem Hospiz mit meiner sterbenden Großmutter. Ich nahm den Anruf auf der Veranda auf der Hinterseite des Hospizes an. Seine Stimme war laut und selbstsicher. Todd hatte Erfahrung und wusste GENAU, was ich suchte.
Todd bat mich, eine CD mit sämtlicher Musik zusammenzustellen, die bereit war, aufgeführt zu werden, und sie ihm sofort zuzuschicken.
Ich stellte eine CD mit zehn Liedern zusammen, und wir trafen uns in einer Bar in der Nähe des Hospizes. Keiner von uns wusste, wie der andere aussehen würde, aber aus irgendeinem Grund rief er meinen Namen, „Justin!“, sobald ich die Bar betrat. Und wir unterhielten uns die darauffolgenden drei Stunden. Seitdem sind wir unzertrennlich.
Ein bisschen schwieriger war es, einen Schlagzeuger zu finden. Ich hatte mindestens ein Dutzend Telefongespräche mit Leuten mit guten Absichten, aber sie hatten alle zu viele anderweitige Verpflichtungen, als dass sie sich in dem Umfang, wie ich es gerne hätte, ernsthaft meinem scheinbar temporären Projekt hätten widmen können.
Eines Nachmittages nahm ich dann den Anruf von Danny entgegen und fragte ihn, wann er Zeit hätte, um bei mir für eine Probe vorbeizukommen, und er sagte, „Wie wäre es mit heute Abend?“
Seit 2006 blieb diese 3er-Konstellation unverändert. Die Idee, ein viertes Mitglied am Keyboard aufzunehmen, wird seit einem Jahr ungefähr immer wieder diskutiert, aber momentan befürchte ich, dass etwas Bestimmtes von uns verloren gehen würde, wenn noch ein viertes Bandmitglied hinzukommen würde.
Außerdem, bei dem Temperament von uns Dreien und die Zeit, die wir zusammenverbracht haben, um in der Lage zu sein, mit den Eigenheiten jedes Einzelnen zurechtzukommen, denke ich nicht, dass ich das guten Gewissens einer vierte Person antun könnte.
Ich habe meine eigene passive, nice-guy, workaholic, O.C.D., Art, mit der sich meine Jungs jeden Tag herumschlagen müssen. Todd hat ein legendäres Temperament, das in Amerika und auch in Großbritannien bekannt ist. Und Danny... er jagt den Leuten Angst ein.
Ihr seid ja zusammen mit „Entertainment“, die ebenfalls aus der Nähe von Atlanta/Georgia kommen, auf dem Label „Stickfigure Records“ und Todd hat früher in dieser Band gespielt. Kennt man sich gut?
Justin: Feeding Fingers und Entertainment arbeiten sehr eng zusammen, sehr häufig, und das seit fast drei Jahren. Wir sind sehr gute Freunde und Verbündete.
In unserem Teil des Landes (oder eigentlich der ganzen Welt) gibt es sehr wenig Unterstützung für Musik wie unsere. Feeding Fingers und Entertainment sind hier sehr fremdartig. Ich will ihnen keine Worte in den Mund legen und ich spreche auch nicht für Entertainment, aber ich kann mir vorstellen, dass sie oft dasselbe Gefühl haben wie Feeding Fingers – als wären sie ein Organ, das in den falschen Körper transplantiert wurde, und der Körper mit der Zeit langsam angefangen hat, es anzugreifen und abzustoßen. Aber, das ist in Ordnung. Wie ich schon vorher gesagt habe, wir leben zwar hier, aber dies ist nicht wirklich unser Zuhause.
Es gibt praktisch gar keine Unterstützung von der lokalen Presse für Feeding Fingers und Entertainment hier in diesem Teil des Landes. Alles, was wir in diesem Teil von Amerika erreichen, basiert nur auf den Anstrengungen von Feeding Fingers, Entertainment, Stickfigure Recordings, unseren unglaublichen Fans, engagierten Zuhörern und all den Bands und Künstlern, mit denen wir hier die ganze Zeit zusammenarbeiten. Wir haben unser eigenes Netzwerk aufgebaut, ohne jegliche Unterstützung der Presse. Es ist zwar klein, aber ich bin sehr stolz darauf. Alles was wir erreichen, basiert auf Mund-zu-Mund Propaganda und unseren sehr loyalen und hilfreichen Freundschaften. Einige der besten Leute auf dieser Welt leben in unserem Hinterhof, und ich kann euch nicht sagen, wie glücklich ich darüber bin.
Gibt es in euerer Region noch andere Bands, die einen ähnlichen Stil spielen wie ihr und „Entertainment“ und wie sieht dort die Gothic-Szene aus?
Justin: Wie ich bereits erwähnt habe...die Community ist sehr klein hier, aber wir arbeiten jeden Tag sehr eng zusammen. Wir lieben und vertrauen einander und geben alles, um jeden Erfolg (egal wie groß oder klein) auszuweiten und zu ermöglichen.
Gibt es oft Konzerte und Events?
Justin: Also... es gibt ein paradoxes Element, wenn eine Band zu oft und zu viele Konzerte und Events in der Gegend hat, in der es keinen großen Markt für sie gibt. Feeding Fingers, Entertainment, The Medusa Collective (inklusive der Bands Siberia My Sweet, Attention System, Promise December, und anderen), und all die anderen Eventorganisatoren, Promoter, Freunde wie Coyote J., Stephanie Roman, VJ Anthony, Jaysin & The Secretroom, etc. im Südosten der USA- planen und veranstalten jeden Monat zwei oder drei Events hier und um Atlanta herum, aber das heißt nicht unbedingt, dass sie sehr gut besucht werden oder so erfolgreich sind, wie wir es gerne hätten. Man muss sehr vorsichtig sein, dass man die schon sehr überschaubare Zuhörerschaft nicht mit allzu vielen Auftritten übersättigt. Ist man nicht vorsichtig, gehen die Kontakte zu den Locations kaputt und die Zuhörer werden ausgereizt. Ich persönlich würde gern ein großes Event pro Monat hier sehen, oder vielleicht sogar alle zwei Monate, damit dieses Ereignis gut koordiniert und gut besucht wird, von einem begierigen lokalen oder vielleicht sogar regionalem Publikum. Dadurch könnten mehr Zeit und Ressourcen in die Vernetzung mit Leuten aus dem Ausland investiert werden, und all dies könnte in andere Teile der Welt exportiert werden, wo es ein größeres Publikum und mehr Unterstützung für diese Art von Musik und Kunst gibt, exportiert werden kann... wie z.B. Deutschland. Aber, dies ist letztlich nicht meine Entscheidung.
Justin, auf vielen eurer Songs erinnert deine Stimme sehr an die von Robert Smith von „The Cure“. Ist die Ähnlichkeit beabsichtigt oder doch eher zufällig? Und was denkst du überhaupt über diesen Vergleich?
Justin: Das habe ich schon oft gehört... und ich weiß, dass dies eine Frage ist, die viele Interviewer stellen wollen. Aber normalerweise tun sie dies aus Respektgründen nicht auf eine direkte, sondern eher passiv-aggressive Art, etwa mit der Frage, was ich über Robert Smith denke, meine “Einflüsse”, und all das. Ich bin froh, dass Du da etwas direkter bist. Ich respektiere das sehr.
Die Ähnlichkeit ist unbeabsichtigt. Die Qualität und der Ton meiner Stimme sind so, wie sie sind und ich werde meine Art zu singen nicht verändern, noch dem Vergleich ausweichen oder mich dafür entschuldigen. Ich sehe ein, dass ich diesem Vergleich in naher Zukunft nicht entrinnen kann, aber das stört mich nicht. Das Wichtigste für mich ist, dass Feeding Fingers so produktiv wie bisher bleibt und weiterhin Musik produziert und aufnimmt, die der besten Qualität entspricht, zu der wir im Stande sind. Ich wüsste nicht, dass man die Pubertät ein zweites Mal durchleben kann, also ist dies nun meine Stimme.
Ich habe schon einige Rezensionen über euer neues Album „Baby Teeth“ gelesen, in denen euer Sound oft mit legendären Gothic –und Wave-Bands wie den frühen „The Cure“, „Siouxie and the Banshees“ und „Bauhaus“ verglichen wird. Kann man diese als euere musikalischen Vorbilder bezeichnen?
Justin: Ich glaube nicht an Vorbilder. Ich glaube an so etwas wie Einflüsse. Ja, ich würde schon sagen, dass ich sehr stark von dem Ton und der Arbeit dieser Bands beeinflusst werde. Ich bewundere ihre Arbeit (jedenfalls die der ersten Jahre). Ich finde, sie stellen eine Art Ausgangsbasis dar, auf der man gut bauen kann. Niemand wird das Rad neu erfinden. Aber, Feeding Fingers ist weder daran interessiert, Stereotypen dieses Genres zu bestätigen noch ein Tributalbum in nächster Zeit zu schreiben. Wir schreiben einfach, und wenn wir damit dasselbe Publikum ansprechen, umso besser.
Gab es etwas Besonderes, was euch während dem Songwriting der Songs auf „Baby Teeth“ inspiriert hat?
Justin: Hübsche weibliche Lounge-Sängerinnen in den frühen 20ern immer noch mit ihren Baby Teeth, klaustrophobischer Fetischismus, Winter, Pakete, Ertrinken, Reproduktion unter Eis, künstliche und konstruierte Erinnerungen, Monomanie...
Was ist euer Grund dafür, warum ihr auf „Baby Teeth“ so stark nach den Anfangstagen des New –und Dark Wave Anfang der 80er klingt?
Justin: Es gibt weder einen speziellen Grund noch eine bestimmte Absicht.
Hattet ihr seit dem Release von „Baby Teeth“ schon viele Auftritte und folgen in den nächsten Monaten noch welche? Plant ihr vielleicht sogar, nach Europa zu kommen?
Justin: Unsere Album Release Show für Baby Teeth fand in Zusammenarbeit mit dem Stickfigure Recordings Showcase im Januar 2009 in Atlanta, GA statt. Die Release Show war gleichzeitig als Hauptshow von Feeding Fingers auf lokaler Ebene für das Jahr 2009 gedacht. Später wollten wir nur noch auf regionaler und nationaler Ebene auftreten, mit der Hoffnung, Unterstützung von anderen nationalen Bands zu erhalten, die wiederrum Unterstützung aus diesem Spektrum der Musikhörer haben. Aber die Wirtschaft ging hier den Bach hinunter und blockierte den Weg, den wir einschlagen wollten. Also spielen wir hier momentan ein bis zwei Mal im Monat, bis sich die Lage bessert. Und dann ist der Plan, nur noch auf mindestens regionaler Ebene aufzutreten.
Uns nach Europa zu exportieren ist das Hauptziel von Feeding Fingers. Knapp 90% unserer Zuhörerschaft stammt aus Deutschland, Italien, GB, Holland, und anderen Teilen in und um euren Teil der Welt. Amerika ist für uns im Großen und Ganzen ein toter Markt.
Eine Reise nach Europa zu finanzieren, ist sehr teuer. Zudem kann man aufgrund der momentanen Wirtschaftsprobleme hier und im Ausland von einem Stillstand sprechen. Aber ich wache jeden Morgen um vier Uhr auf und arbeite durchgehend daran, Kontakte zu knüpfen mit Promotern, Managern, Zuhörern, Locations, Labels, anderen Bands und jedem, der uns helfen könnte eine Minitour für Europa zu organisieren, wobei Deutschland, Italien, Holland und GB die Hauptziele sind. Ich ergreife gerne die Initiative. Wenn irgendjemand, dies liest und Interesse an einer Zusammenarbeit mit Feeding Fingers in Europa hat, meldet euch.
Erinnert ihr euch eigentlich noch an eueren ersten Auftritt? Wenn ja, was gibt es darüber zu berichten?
Justin: Natürlich erinnere ich mich daran! Unzählige Auftritte ist das schon her, weit in der Vergangenheit. Am 4. November 2006 fand im jetzt nicht mehr existierenden ISP Space im östlichen Atlanta der erste Auftritt von Feeding Fingers statt. Wir spielten mit einem Elektronik Duo, bestehend aus einem Mann und einer Frau aus Florida, die Mad Happy hießen (Ich glaube, sie werden oder wurden von Tina Weymouth, früher bei Talking Heads, produziert) und einem Hip Hop Künstler namens Quan Star. Ich bin mir nicht mehr sicher, woher er kam.
ISP (Industrial Strength Promotions) war damals eine Musik- und Kunst-Kooperative, die von Mitgliedern der Musikgruppe Elevado (existieren inzwischen auch nicht mehr) gegründet und gemanagt wurde. Die Location ist heute ein Schuhgeschäft, glaube ich. Aber ISP existiert immer noch als Promotionsgruppe, die von einem wirklich großartigen Typen namens Eric Holder geleitet wird. Er unterstützt immer noch die Promotion von Bands mit Hilfe des ISP Netzwerkes und seiner Zeitschrift Pine Magazine. Er ist ein wunderbarer Mensch, dessen Ambition manchmal seine Möglichkeiten übersteigt, wie beim Rest von uns in der Kunstwelt.
ISP Space hatte ungefähr die Größe eines großen Elternschlafzimmers. Es war klein, kalt und es regnete. Die beiden anderen Bands sollten eigentlich um 20 Uhr eintreffen. Natürlich, waren sie nicht da. Niemand kam, um sich ihren Auftritt anzuschauen. Die einzigen Leute, die da waren, waren gekommen, um uns zu sehen. Und es waren nicht viele – ein paar gute Freunde und Leute von anderen Bands, die Interesse an einer Zusammenarbeit mit uns hatten, und ein Kritiker vom Performer Magazine hier in Atlanta.
Es wurde langsam spät. Der Manager der Location wurde unruhig, weil die anderen Bands nicht kamen. Ich ärgerte mich, weil es spät wurde und das kleine Publikum, das wir für die Show zusammengebracht haben, langsam ungeduldig wurde und gehen wollte – verständlicherweise. Es war mehr als nur ein bisschen peinlich und vor allem sehr unprofessionell.
Dann sagte der Manager auch noch, dass wir als lokale Band und Gastgeber für das Publikum von außerhalb als letztes spielen sollten. Schließlich nahmen Todd und ich die Sache selbst in die Hand, bauten unser Equipment auf, führten den Soundcheck selbst durch und spielten für unser kleines Publikum. Wir zogen einfach unser eigenes Ding durch. Ich hasste es, der Raufbold zu sein, besonders gleich am Anfang, aber es musste eben sein. Ich dachte, wir hätten unsere Beziehung zum ISP ruiniert, nachdem wir so aggressiv waren, aber wir arbeiten auch heute noch mit ihnen zusammen.
Ein guter Freund und Musikkollege von mir, Jeffrey Butzer, war damals rein zufällig im Publikum. Er spielte ein sehr kurzes und improvisiertes Solo-Set, um die Show für uns zu eröffnen –die beiden anderen Bands waren immer noch nicht eingetroffen. Danach spielte Feeding Fingers acht Lieder. Zu der Zeit hatten wir Keyboards noch nicht so stark in unser Live-Set miteingebaut. Also spielten wir ohne Frills. Es war eine angenehme Zeit und ich denke, wir waren gut. Heute müssen Todd und ich bei jeder Show drei verschiedene Instrumente spielen! Seit dem kleinen Beginn sind Dinge um einiges aufwendiger geworden.
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Ist seit eurem Bestehen irgendetwas Außergewöhnliches passiert, worüber ihr uns etwas erzählen könnt?
Justin: Bei jedem Auftritt passiert etwas Ungewöhnliches. Dies ist einer der vielen Gründe, warum man dieses Leben wählt, obwohl es vom finanziellen Standpunkt her nicht viel gibt. All dies macht man aus Liebe zur Arbeit.
Hier ein Auszug einiger besonderer Ereignisse:
1) Die tote Ziege in einer Plastiktüte in einer Location namens „The Drunken Unicorn“ in Atlanta war etwas ganz besonderes. Wir haben schon einige Auftritte dort gehabt. Sie ist bestimmt eine unserer Lieblingslocations in Atlanta. Dort fühlen wir uns wie Zuhause. Einmal kamen wir dort an und sahen, wie zwei Leute ganz eifrig den Boden wischten und sichtlich verärgert waren. Einer von ihnen entschuldigte sich für den Gestank und versprach, dass alles bald wieder sauber sein würde. Ich bemerkte dann, dass es dort nach verwestem Leichnam stank. Auf meine Frage hin, woher der Gestank käme, erzählte man mir, dass am Vorabend eine Band aufgetreten war, die mit einer toten Ziege in einer Plastiktüte durch Nordamerika tourte. Sie verwendeten die Ziege als Requisite und machten Fotos von ihr, wie sie verrottete, um diese für ihr Album und für Promotionzwecke zu nützen.
Als wir abends nach unserem Auftritt unser Equipment einluden, entdeckte Todd einen großen Klumpen aus schwarzem nekrotischen Gewebe unter einem Hochspannungsschaltbrett. Der Gestank füllte den ganzen Raum. Todd sah mich an und sagte: „Ich denke, man sollte die Band in eine Plastiktüte stecken und sterben und verrotten lassen.“
2) In Savannah, GA, haben wir eine Location voll von Vampiren und Dominatrixen nur mit Hilfe von Wut, einer Leiter und ein bisschen Alufolie beinahe niedergebrannt.
3) Mir wurde auch schon Oralsex von einem obdachlosen Truman Capote-Imitator angeboten, als Gegenleistung sollte ich ihn zu einem McDonald's Restaurant fahren, das nur 50 Meter entfernt war. Leider musste ich das Angebot ablehnen. Schließlich wollte ich nicht das Risiko eingehen, über einen Bremshügel zu fahren und dann vollgekotzt zu werden.
4) Ich begegnete einem amerikanischen Vietnamkriegsveteranen mit dem Namen Chew Choo in Florida. Man nannte ihn Chew Choo, weil er im Krieg eine „Tunnelrate“ gewesen war. Während seiner Zeit beim Militär wurde er öfters von Maschinengewehren unter Beschuss genommen. Er war ein menschlicher Schweizer Käse. Aber es gelang ihm, zu überleben. Durch Schrapnellwunden hatte er fast alle Zähne und den unteren Teil seines Kiefers verloren. Dadurch war er in der Lage ein Pfeifgeräusch zu erzeugen, das sich fast wie eine Dampflok anhörte.
Ich könnte Euch noch Tausende solcher Geschichten erzählen. Wir haben sogar einmal beinahe unseren Drummer Danny umgebracht, in einem kleinen Dorf namens Tifton. Nur ein Zentimeter mehr und wir hätten ihn beim Zurücksetzen unseres Vans überfahren. Aus PR-Sicht wäre dies großartig gewesen, aber für unsere kreative Arbeit nicht so sehr.
Im englischen Wikipedia-Artikel zu eurer Band steht, dass ihr plant, für Justins ersten Animations-Spielfilm „Ticks“, der 2010 herauskommen soll, einen Soundtrack zu schreiben. Könnt ihr uns etwas dazu erzählen?
Justin: Ich werde die Musik für den kompletten Soundtrack von „TICKS“ schreiben – diese wird hauptsächlich instrumental sein. Der Soundtrack wird zeitgleich mit dem Film herauskommen. Feeding Fingers wird den Soundtrack bei der Vorstellung des Films in Kinos, Kunsthäusern, Konzertlocations, Kunstgalerien etc. live spielen.
TICKS wird ein Animationsfilm in Spielfilmlänge mit einigen CG-Elementen sein. Ich hoffe, dass er Ende 2010 fertig sein wird.
Als ich an „TICKS“ arbeitete, hatte ich anfangs erwartet, dass der Film keine Verbindung zu vorangegangenen Arbeiten haben würde. Ich dachte, dass er rein stilistisch aber auch im Kern etwas ganz anderes sein und in keinem Zusammenhang zu meiner vergangenen Arbeit stehen würde. Aber während ich daran arbeitete, merkte ich, dass es doch Zusammenhänge gibt. Allerdings ist es keine Fortsetzung von etwas aus der Vergangenheit.
Der Film ist eine Erzählung. Im Gegensatz zu vorangegangen Arbeiten, enthält er aufeinander aufbauende Dialoge. Dennoch ist der Dialog nicht unbedingt die Hauptantriebskraft des Films.
Was meinen Arbeitsablauf betrifft...versuche ich, die Band, den Film, den Filmsoundtrack, das dritte Feeding Fingers Album und meinen Job unter einen Hut zu bekommen, und dabei gleichzeitig meine Rechnungen zu bezahlen. Was ich machen muss... jede Nacht vor dem Zubettgehen, muss ich planen, welche Stunden des Tages ich für welches Projekt verwende. Natürlich kann man nicht alles vorausplanen, unvorhersehbare Ereignisse können das ganze durcheinanderbringen, aber im Großen und Ganzen versuche ich jeden Tag so gut wie möglich für jedes einzelne Projekt zu nützen. Irgendwann einmal wird alles fertig sein. Und dann werde ich das nächste Projekt in Angriff nehmen.
Zu beschreiben, wie ich den Stop-motion animierten Film mache, ist wahrscheinlich eines der langweiligsten Themen, über die man sprechen kann. Im Grunde ist es...ein Skript schreiben...Figuren designen...sie erstellen...deren Umgebung bauen...sie beleuchten...sie fotografieren...sie bewegen...fotografieren..bewegen...und das immer wieder...die Aufnahmen editieren und das immer wieder. Es ist nichts wirklich Glamouröses.
Planst du, Justin, vielleicht auch, einen animierten Videoclip für einen eurer Songs zu erstellen?
Justin: Das würde ich gerne. Das sind mein Plan und meine Hoffnung. Irgendwann kommt die Zeit. Rein physikalisch reicht die Zeit an einem Tag nicht aus, um ein animiertes Musikvideo zu produzieren. Neben Feeding Fingers, „TICKS“, der Hypothek, und all die dummen Verpflichtungen, die zum Erwachsensein dazugehören, gibt es momentan einfach nicht genug Zeit dafür. Aber ich werde langsam besser darin, Verantwortung auf andere zu übertragen, mit anderen Leuten zusammenzuarbeiten, und ich suche aktiv Unterstützung im Managementbereich der Band und anderer Dinge, sodass ich mich wieder auf das Künstlersein konzentrieren kann.
Gibt es in der Zukunft von „Feeding Fingers“ sonst noch etwas, auf das wir gespannt sein dürfen?
Justin: An dem dritten Album wird gerade gearbeitet. Ich biete mehreren Plattenfirmen, mit denen ich gerne in der Zukunft arbeiten würde, unsere Demos an. Die große Mehrheit dieser Plattenfirmen ist in Europa. Außerdem versuche ich Unterstützung im Managementbereich zu bekommen, um mehr im größeren Umfang zu erreichen, da dies für die Zukunft der Band notwendig ist.
Mit dem Soundtrack für „TICKS“ geht es auch voran. Es gibt ein Musikvideo für das
Stück „She Hides Disease”, das in ein paar Monaten in Produktion gehen wird. Ich sammle
im Moment Ideen dafür.
Aber am wichtigsten sind meine Anstrengungen, Feeding Fingers nach Deutschland zu bringen, von wo wir eine wundervolle Resonanz bekommen haben, und wir gerne auftreten und euch persönlich kennenlernen würden.
Welche Musik hört ihr denn privat und ist da auch etwas dabei, was ihr unseren Lesern empfehlen würdet?
Justin: Am meisten höre ich Avantgarde und moderne Komponisten wie Karlheinz Stockhausen, Witold Lutoslawski, Steve Reich, und Krystof Pederecki, etc. Außerdem mag ich viele der Proto-Industrial/Minimalistischen Werke, die in den späten 70er bis 1980er von Bands wie Einstürzende Neubauten, S.P.K., D.A.F., Fad Gadget, Suicide und ähnlichen herausgebracht wurde. Aber, ehrlich gesagt, höre ich in letzter Zeit nicht viel Musik. Ich führe nebenbei auch noch ein Aufnahmestudio, hier in Atlanta, wo ich viel Hip Hop, R&B, Rock und anderes produziere – also bin ich immer von Musik umgeben. Ich bin so umhüllt von Musik, dass in Stille letzter Zeit sehr angenehm ist.
Vielen Dank für das Interview! Wir wünschen euch viel Erfolg mit „Baby Teeth“ und viel Spaß bei euren nächsten Konzerten. Zum Abschluss des Interviews gebühren euch die letzten Worte.
Justin: Danke an alle in Deutschland und in Europa für eure Unterstützung. Bitte bleibt in Kontakt und zögert nicht Hallo zu sagen. Ich möchte von euch so oft wie möglich hören. Solange ihr uns hören mögt, werden wir Musik machen, um sie mit euch zu teilen. Ich hoffe, euch alle bald persönlich kennenzulernen. Wir werden weiterhin daran arbeiten, bis wir da sind. Bitte passt auf euch auf.
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