Black Wedding – Louis Zachert steht Rede und Antwort

Rubrik: Interview

Bevor am 06. Oktober 2008 das Werk „11000 Virgins“ von Black Wedding erscheinen wird, haben wir uns für Euch auf den Weg nach Brüssel begeben, um Louis
Zachert über sein Projekt ein wenig auszufragen. Wie es zur Entstehung von Black Wedding kam, was Louis und Cissy noch alles vorhaben und vor Allem, was es mit den 11000 Jungfrauen auf sich hat, dazu werdet Ihr im Folgenden Antworten finden.


Lucy: Hallo Louis, vielen Dank für Deine Einladung nach Brüssel und natürlich auch dafür, dass wir uns heute hier zusammensetzen können, um dieses Interview mit Dir zu führen.
Wie geht es Dir?

Louis: Ja, also doch eigentlich sehr gut. Ich kann nicht besser klagen.

Louis und Lucy lachen

Lucy: Ok, dann wollen wir einmal loslegen. Dem Pressetext lässt sich entnehmen, dass Du viele Instrumente spielst. Welche musikalischen Geräte kannst Du denn so bedienen?

Louis: Ach Du liebes bisschen! So ziemlich alles, was zum Drücken ist, was Tasten, was Knöpfchen zum Drehen und Saiten zum Zuppeln und Rumzupfen hat. Ja, das kommt hin.

LBlack Weddingucy: Wenn ich Dich jetzt bitten würde, mir etwas vorzuspielen, zu welchem der Instrumente würdest Du spontan greifen?

Louis: Zur Gitarre.

Lucy: Du stehst bereits seit Deinem vierten Lebensjahr mit Musik in Verbindung. Waren Deine Eltern selbst auch Musiker oder bist Du einfach ein Naturtalent?

Louis: Ob ich ein Naturtalent bin, weiß ich nicht. Meine Mutter kommt aus einer sehr musikalischen Familie und sie war auch diejenige, die mich von klein auf an gepusht hat. In der Familie meiner Mutter gibt es alles Mögliche an Künstlern, außer Lebenskünstlern natürlich. Louis schmunzelt. So zum Beispiel gibt es in der Familie ein Chansonier und eine Malerin und da kam das dann so und hat sich so entwickelt.

Lucy: Du bist Deiner musikalischen Hingabe bis heute treu geblieben und hast sogar das Fach „Elektronische Musik“ studiert. Wieso ausgerechnet diese musikalische Fachrichtung?

Louis: Das hängt zum einen damit zusammen, dass ich meine „Folk-Laufbahn“ als Gitarrenspieler und trällernder Barde an den Nagel gehängt hatte. Ich konnte den Kram irgendwann einfach nicht mehr hören. Immer wieder Woche für Woche ein paar Mal das gleiche Zeug spielen und immer die gleichen blöden Sachen sagen stand mir mit der Zeit bis oben. Damals hatte ich so einen Typen kennen gelernt, der hatte einen Synthesizer und so etwas musste ich dann unbedingt auch haben. Also habe ich mir einen gekauft, 30 Kilo schwer und mit ganz, ganz vielen Knöpfchen dran zum Drehen und Schrauben. Und zum anderen gab es während meines Informatikstudiums das Angebot von der Universität Karlsruhe, als Nebenstudiengang das Fach „elektronische Musik“ zu belegen. Das war noch bevor es das Zentrum für Kunst und Medientechnologie, welches in Karlruhe mittlerweile ganz groß ist, gab. Wir waren drei Leute aus Pforzheim - da bin ich groß geworden - und wir haben das dann durchgezogen, jedenfalls eine gewisse Zeit bis es zum Knall kam.


Lucy: Und um welchen Knall handelt es sich dabei?

Louis: Ich habe mich mit meinem Prof, der für mich verantwortlich war fürchterlich verkracht. Damals kamen die ersten MIDI-Synthesizer auf; Computerprogramme gab es so gut wie gar keine. Es war also alles noch lange vor Cubase und Logic. Ich hatte selbst einen Prozessrechner zu Hause und hatte mir dann dafür ein MIDI-Interface gebaut und einen Sequenzer geschrieben. Das Ergebnis war diese Quietsch- und Pfeifmusik, die wir auch während des Studiums gemacht haben. Es war eigentlich das selbe in grün. Der Unterschied war der, dass ich keine Bänder geschnitten habe, sondern dass ich das am Computer gemacht hatte. Es war reproduzierbar. Das hat dem Prof nicht gepasst und er warf mir vor, ich würde Caféhaus-Musik machen. Das wollte ich nicht auf mir sitzen lassen. Daraufhin hatten wir uns dreieinhalb Stunden lang angeschrieen und das war es dann, ich habe gesagt: „So mache ich nicht weiter! Da sehe ich keinen Sinn mehr dahinter.“ Ich habe mich weder einschränken noch in irgendeine Schublade quetschen lassen.

Lucy: Seit 1996 bist Du nun als Freier Produzent und Ton-Ingenieur tätig. In diesem Jahr hast Du auch das Projekt „Black Wedding“ ins Leben gerufen. Was hat Dich dazu bewegt?

Louis: Meinst Du das aktuelle Album oder Black Wedding selber?

Lucy: Black Wedding an sich.

Louis: Das geschah im Rahmen der geplanten VÖ eines Samplers mit Cover-Versionen von Depeche Mode. Auf diesem war noch ein bisschen Platz und da ich vorher schon als Remixer für verschiedene Kapellen tätig war, fragte man mich, ob ich denn nicht selbst etwas machen wollte. Meine damalige Freundin, ein gnadenloser Depeche Mode Fan, hat gemeint: „Fein, toll, machen wir!“ Dann ging es nur noch um eines Namen und Black Wedding hat sie dann „erfunden“, in Anlehnung an „White Wedding“ von Billy Idol.
Black Wedding ist also nicht mein „ureigenes“ Baby.

Lucy: Okay, damit hast Du mir meine nächsten Fragen aus dem Mund gegriffen. Denn nun wissen wir schon, wie dieses Projekt eigentlich zu seinem Namen gekommen ist und welches Konzept dahinter steckte.

Louis: Ja richtig, das Ding brauchte ja irgendwie einen Namen. Der eigene Name klingt nicht so interessant und der Name musste ja auch irgendwie eine Kapelle darstellen.

Lucy: Also gab es damals keine Erwartungen, keine Ziele. Denn es hieß zunächst „Mitmachen“.

Louis: Richtig.

Lucy: Und wenn Du Black Wedding aus der heutigen Sicht heraus betrachtest, was möchtest Du damit für Dich persönlich erreichen?

Louis: Jetzt hat sich das Ganze eigentlich komplett geändert. Jetzt hat dieses Kind, was damals noch keine klare Linie verfolgt hat, eine Struktur. Es gibt dementsprechend eine „klare Linie“. Ich sehe sie jedenfalls für mich und auch für die Musik. Für mich steckt die Verbindung von Darkwave-Elementen mit Folklore-Kram und mit elektronischer Musik der alten Schule etc. dahinter. Ich möchte nie selbst als Songwriter tätig werden oder richtig eigene Texte schreiben. Das kann ich auch gar nicht. Das ist nicht mein Ding. Ich möchte einfach das, was ich Anfang der 80er aufgehört habe zu tun, weiterführen. Eben diese „Uralt-Folk-Geschichte“ mit Liedern aus dem Mittelalter, aus der Früh-Renaissance. Und diese möchte ich in ein für mich zeitgemäßes Gewand bringen und eine vollkommen neue Form geben. Und in dieser Art und Weise gibt es das meines Wissens auch noch nicht. Wir haben sicher viele Mittelalterkapellen, die fröhlich mit ihren Drehleiern herumdudeln und in ihre Fellbeutel hineinpusten und tröten. Aber jemanden, der einen komplett anderen musikalischen Weg gehen möchte, der ist noch nicht da. Und ich hoffe und bete, dass Black Wedding auch weiterhin so laufen kann.

Lucy: Und wie würdest Du diese Musikrichtung bezeichnen?

Louis: Das ist schwierig! Für mich persönlich trifft die Bezeichnung „Electro-Folk“ zu. Diesbezüglich hatte ich allerdings im Freundes- und Bekanntenkreis auch schon Diskussionen, weil dieser Begriff einfach nur ein „Wischi-Waschi-Begriff“ ist. Aber welchen Namen soll ich sonst dafür wählen? Das gibt es ja noch nicht so in dieser Richtung. Es ist ein Mischmasch aus allem Möglichen. Versehen mit vielen Folk-Elementen – wobei ich hier als Folk nicht so Sachen wie „Zupfgeigenhansellieder“ meine. Folk ist für mich Weltmusik, alles was organisch gewachsen ist und keinen künstlichen Ursprung hat, alles was „von dem Volk für das Volk“ gemacht wurde. Und Synthesizer sind nun einmal die Volksinstrumente unserer heutigen Zeit. Früher war es zum Beispiel die Blockflöte und heute ist es der Synthesizer.

Lucy: Du hast unter dem Namen „Black Wedding“ auch den ein oder anderen Remix gemacht, u. a . für Bands wie „Implant“ und „In Strict Confidence“. Wie sind diese Kontakte zustande gekommen?

Louis: Durch meine Tätigkeit in der Aufnahme, als Produzent und als Freelancer für Independant-Plattenfirmen. Die Musikantenwelt ist so klein, dass irgendwann jeder jeden kennt.

Lucy: Zu dieser Zeit warst Du noch in Deutschland zu Hause. Seit 2000 jedoch lebst Du in Brüssel.
Ist die Szene dort anders?

Louis: lacht Es gibt keine. Zumindest nicht in Brüssel. Sagen wir es einmal so: Sie ist minimal! Man kann die Veranstaltungen im Jahr an zwei Händen abzählen. Hier gibt es leider keine Clubs, wo diese Art von Musik gespielt wird.

Lucy: Und gibt es die Leute dazu, die Fans, das Publikum?


Louis: Ja, diese sind auf jeden Fall da. Das sieht man allein daran, wenn „Le Fantastique“ ihre „Fantastischen Nächte“ hier organisieren und veranstalten. Diese sind recht gut besucht! Das Publikum ist definitiv da, wobei ich denke, dass viele Leute auch von außerhalb kommen. In Gent ist es ganz anders, da gibt es tatsächlich eine Szene, ganz extrem ist Waregem . Da gibt es einen Laden, der auch regelmässig Konzerte veranstaltet und wo Parties stattfinden. Selbst in Leuven tut sich in dieser Hinsicht etwas. Also im Grunde genommen die Unistädte. Brüssel ist zwar auch eine Unistadt, aber irgendwie tut sich hier nicht viel. Und trotzdem bin ich gerne hier. Es ist Lebensqualität.

Lucy: Auch wenn es fast keine oder eben nur eine ganz kleine Szene gibt, wie ist denn der Unterschied zwischen Brüssel und Deutschland?

Louis: Was einem sofort ins Auge sticht ist der optische Aspekt. Im wahrsten Sinne des Wortes, es sticht einem ins Auge! Die Belgier sind kleidungsmässig nicht so experimentierfreudig wie die Deutschen oder die Holländer. Hier hat man ein paar schwarze Sachen an und damit ist man automatisch ein „Gruft‘l“ oder ein „Gothic“. Vom musikalischem her gibt es keine Unterschiede. Das müsste das selbe in grün sein!

Lucy:
Direkt nach Deinem Umzug wurde es zunächst für drei Jahre wieder still um „Black Wedding“ welche Gründe kannst Du uns dafür nennen? Musstest Du Dich erst einmal einleben, war es eher aufgrund der beruflichen Basis?

Louis: Ja zum einen war es wirklich das „Sich erst einmal Einleben“. Es war eine vollkommene Umstellung und dazu noch von heute auf morgen. Zum anderen hatte ich gar kein Material, um irgendetwas großartig zu machen. Meine ersten Neuanfänge in musikalischer Richtung waren dann mit Ionic Vision, für welche ich heute noch tätig bin. Das war knapp ein Jahr, nachdem ich hierher gekommen bin.

Lucy:
Louis, wie kam es dann eigentlich zur Enstehung des aktuellen Albums „11000 Jungfrauen“?

Louis: Dass Black Wedding wieder weiter ging, ist mehr oder weniger eine rein zufällige Geschichte. Ich hatte damals als Aufnahme-Mensch eine Recording-Session für Cembalo und Gesang in der flandrischen Tundra. Auf dem Weg dort hin hatte ich meiner Sängerin Cissy, also Francisca, eine Kopie meines ersten Albums „VIE!“ von 1993 vorgespielt. Cissy und ihre Schwester, die Cembalo-Spielerin, haben herum gealbert. Und Cissys Schwester meinte dann, dass man diese Art von Musik doch mit Mittelaltermusik verbinden könnte. Darauf meinte ich, dass es das schon gibt - siehe Bands wie Qntal oder Helium Vola. Darauf meinte Cissy dann: „Ja, aber wenn man das mal mit so einem richtigen Liederzyklus zusammenbringt, also nicht nur einzelne, voneinander getrennte Stücke, sondern auch Sachen, die inhaltlich zusammen passen, das wäre doch etwas Neues.“ Ich fragte dann, was denn zum Beispiel und sie meinte: Hildegard von Bingen. Meine Antwort darauf: „Ja, aber Hildegard von Bingen ist in zig tausend Versionen schon verwurstelt worden.“ Und Cissy meinte wieder: „Nein, eines gibt es noch nicht! Ein Zyklus namens 11000 Jungfrauen!“ Und so ist das Konzept der aktuellen CD entstanden und Black Wedding war wieder zum Leben erweckt. Die Schwierigkeit war, diese Partitur zu besorgen. Das ist nämlich nicht so ganz einfach!
Aber im Laufe der Jahre hat sich das dann ergeben und entwickelt. Das ist die Geschichte des aktuellen Albums, welches ein Eigenleben entwickelt hatte. Aus der Produktion von „11000 Virgins“ entstand die Idee, das Ganze in einem ganz ureigenen Stil zu kreieren. Naja - ich habe es zumindest versucht. Und ob mir das gelungen ist, soll der Zuhörer/die Zuhörerin entscheiden. Denn das kann ich selbst nicht beurteilen.

Lucy: Und wie habt Ihr beiden, also Francisca und Du, Euch kennen gelernt?

Louis schmunzelt: Wir sind beide im selben Sportverein und beide im Vorstand. So hat sich das ergeben. Sie hat damals gerade in Austin/Texas promoviert und im Rahmen ihrer Promotion hat sie eine Aufnahme machen müssen. Sie hatte ein sehr seltsames Thema über Kastraten-Gesang im 16. und 17. Jahrhundert. Sie hatte einen Kerl gefunden, der so eine Art „Neutrum“ war, und der somit eben genau noch diese Stimme hatte. Wir hatten also die Chance, diesen Kerl aufzunehmen, bevor er ein oder zwei Jahre später einfach stimmlich „umgefallen“ war. Er musste dann also doch „männlich“ werden.

Lucy: Auch die musikalische Karriere von Francisca Vanherle begann schon in ihrer frühen Kindheit. Mittlerweile ist sie zu einer sehr hervorragenden Sopranisten herangereift. Sie leistet u. a. stimmgewaltige Beiträge in Opern und Operetten. Wie empfindest Du die Zusammenarbeit mit ihr?

Louis: Super easy. Extrem einfach. Relaxed. Professionell. Klasse. Wenn es heißt: „Partitur singen“, dann singt sie mit Gefühl und Allem. Zack. Da kann ich nicht viel mehr zu sagen. Es ist einfach ganz, ganz, ganz toll! Solch eine gute Zusammenarbeit hatte ich mit keinem anderen Musiker zuvor.

Lucy: Warum hat es eigentlich fünf Jahre gedauert, bis das Album „11000 Virgins“ dann fertig war?

Louis: Das hat zwei Gründe. Zum einen ist es die Produktion selber. Wir haben zuerst die Stimme aufgenommen. Da war noch nichts, wirklich nichts anderes musikalisch dahinter. Ich saß da so vor meinem Synthetikum und habe so vor mich hin geklimpert, um einen tonalen Rahmen vorzugeben. Dazu hat Cissy dann eifrig geträllert.
Ich hatte zum Schluss also diese ganzen Vocal-Tracks und noch nicht einmal eine Idee, was ich überhaupt damit anfangen könnte. Wir haben dann hin und her überlegt, hoch und runter, das ganze auseinander genommen, hier geschnipselt, dort geschnipselt und so entstand eine Art Lego-Baukasten aus vielen kleinen Einzelteilen, die neu zusammengesetzt und in einen teilweise anderen melodischen Kontext gebracht wurden.
Die ganze Rhythmik kam auch erst im Laufe der Jahre. So etwas dauert bei mir sehr, sehr lang. Ich muss zugeben, dass das eigentliche Album schon 2006 fertig war. Ich war nur immer noch nicht zufrieden. Wenn meine bessere Hälfte nicht gewesen wäre, dann würde diese Musik wahrscheinlich noch immer auf der Festplatte herumliegen und nichts tun. Sie – meine bessere Hälfte - meinte, ich solle das Ding jetzt endlich fertig machen, da es viel zu schade ist, die Musik einfach so versauern zu lassen. Okay, und hier bin ich ;)

Lucy: Das kann man vielleicht auch wie einen guten alten Rotwein bezeichnen, der erst einmal reifen muss, bevor er getrunken wird.

Louis: In diesem Fall ist das ein schöner Vergleich. Das kann man durchaus so sehen, ja ;)

Lucy: Das Konzept von „11000 Virgins“ lautet „Musikalische Wanderung durch Zeit und Raum“. Louis, steht diese Bezeichnung vielleicht auch in Verbindung mit Deinen vielen Reisen, sowohl beruflicher als auch privater Natur?

Louis: Ja - auf jeden Fall! Man braucht sich die Musik von „11000 Virgins“ einfach nur mal anzuhören. Man hört die verschiedensten Einflüsse heraus. Da ist arabische Musik, es sind mazedonische Einflüsse drin - also mazedonisch-bulgarische Folklore – und natürlich findet sich auch westliches Gitarren-Geklimper. Ich verwende Instrumente aus der gesamten Welt. Genauso versuche ich die verschieden Eindrücke, welche ich in den verschiedenen Ländern sammelte, zu verarbeiten und somit mit einfließen zu lassen. Und genau das macht die ganze Sache unwahrscheinlich spannend. Und zu guter letzt wird alles noch mit einer gehörigen Portion Elektronik-Geballere garniert.

Lucy: Also eine brisante Mischung.

Louis: Ja ;-)

Lucy: Von der Hildegard von Bingen hatten wir bereits gesprochen und Du bist auf diese Geschichte mit den 11000 Jungfrauen damals im Auto gestoßen. Wie hast Du diese aufgenommen und was hat Dich an dieser so fasziniert, dass Du ihr ein komplettes Album widmest?

Louis: „11000 Virgins“ ist ein Liederzyklus – also eine Art „Lieder-Sammlung“ - und es war eine Herausforderung für mich, nicht einfach ein einzelnes Stück aus diesem Zyklus herauszugreifen und irgendwie durch den Wolf zu drehen. Für mich war es wichtig, eine musikalische Einheit zu bilden, und fast den ganzen Zyklus - bis auf ein zwei nicht oder nur äußerst schwierig realisierbare Passagen - zu verwenden. Das ganze sollte eine musikalische und auch inhaltliche Einheit bilden.

Lucy: Warum lässt sich „Black Wedding“ Deiner Meinung nach in die Elektro-Szene integrieren?

Louis: Weil neben diesem ganzem Weltmusik-, Ethnomusik- und Folkmusik-Trallala eine gewaltige Portion „Electro“ dabei ist. Ich hatte in meiner Vergangenheit eben auch sehr viel Electro gemacht. Sei es für mich allein oder mit anderen Kapellen zusammen. Es hat sich bereits vor ein paar Jahren gezeigt, dass wir vom Dunkelvolk releativ gut aufgenommen werden, als wir probeweise Black Wedding in den Clubs spielen ließen. Ein großer Teil meines musikalischen Hintergrundes ist die Darkwave-Electro-Szene. Und lustigerweise gefällt‘s sogar den „Nicht-Goten“. Um so besser. Das finde ich ganz toll!

Lucy: Ein breit gefächertes Publikum also. Wir hatten vorhin ja schon einmal das Thema Ionic Vision angesprochen, eben, dass Du mit den Jungs auch am Werkeln bist. Gibt es denn auch noch andere Musikern, mit denen Du gern einmal zusammenarbeiten würdest?

Louis: Das ist eine schwierige Frage, die ich so einfach noch nicht beantworten kann. Dazu muss ich denjenigen erst als Mensch kennen lernen. Ich kann mit niemanden Musik zusammen machen, wenn ich nicht auch menschlich mit ihm klar komme. Es muss einfach beides stimmen, sowohl auf musikalischer als auch menschlicher Basis.

Lucy: In Deiner beruflichen Karriere als Musiker hast Du doch mit Sicherheit schon den ein oder anderen kennen gelernt?

Louis: Ja ;-)

Lucy: Und von diese Menschen sticht Dir keiner hervor, mit dem Du Dir eine Zusammenarbeit vorstellen könntest?

Louis: Das ist halt eine schwierige Frage; und ich habe zu dieser einfach keine Antwort. Mir fällt einfach momentan keiner ein. Denn im Augenblick bin ich wunschlos glücklich. Ich habe schon mit vielen anderen Musikern und Musikerinnen zusammen Musik gemacht. Das sind allerdings Kapitel aus meinem vergangenem Leben. Man muss ja immer nach vorne schauen und da kann ich nicht sagen, ich würde gern mit dem oder der Musik machen.

Lucy: Mit Sicherheit ergibt sich das ja auch rein zufällig. Man trifft sich im Club oder auf einem Festival im Backstage-Bereich und kommt auf diese Weise ins Gespräch und daraus ergeben sich dann die Begebenheiten.

Louis: Genau.

Lucy: Vielleicht wie so eine Art Schnapsidee.

Louis: Sicher, auf jeden Fall! So sind bisher fast alle Sachen von und mit mir entstanden. Wie zum Beispiel bei Cycloon zusammen mit Axel Kleintjes. Da habe ich das Album und auch die Maxi gemacht. Und das war eine Schnapsidee, im wahrsten Sinne des Wortes. Die Remix-Anfragen von Implant, Ionic Vision, Instrict Confidence, Philtron usw., das waren alle miteinander Spontangeschichten. Man wird gefragt: „Wie sieht’s aus, hast Du bock?“ – „Okay, machen wir.“

Lucy: Interessiert Du Dich neben der Musik auch für andere Bereiche der Kunst?

Louis: Ja kochen! (Louis lacht) Kochkunst!

Lucy: Und was kochst Du am liebsten?

Louis: Indisch.

Lucy: Wie verkauft sich Deiner Meinung nach Musik in der heutigen Zeit besser - digital oder physisch?

Louis: Schwierige Frage. Es wäre natürlich schön, wenn sie sich physisch, also als realer Tonträger, zum Anfassen eben, gut verkaufen würde. Das gibt es aber nicht mehr. Die Verkäufe sind um bis zu 70 % eingebrochen. Es ist utopisch, an ein Revival des realen Tonträgers zu glauben. Das mit dem Digitalen ist aber auch so eine Sache...
Wenn ich einem von beiden eine Präferenz geben würde, dann würde ich sagen, es ist der digitale Weg. Das doofe ist halt nur die Haptik. Das haptische Element fehlt ja total. Denn wenn ich mir Musik aus dem Internet downloade, dann kann ich diese nicht anfassen. Und was ich noch viel schlimmer finde ist, dass viele Leute ja nicht gleich das ganze Album kaufen, sondern einfach nur vereinzelte Stücke daraus. Und bei meiner Musik tut mir das weh! Am liebsten würde ich das irgendwie unterbinden, denn es ist dann aus einem Zusammenhang heraus gerissen. Ich kann ja bei einem Bild auch nicht sagen: „Die untere linke Ecke finde ich toll, also schnippel‘ ich mir diese einfach mal heraus!“ Aber das muss man eben einfach in Kauf nehmen. Denn wenn man verkaufen will, hat man nicht immer Einfluss darauf, was man verkauft.

Lucy: Das ist ja mit Sicherheit auch das schwierige für einen Musiker. Die CD, das Physische ist ja das Produkt, das Gesamtkunstwerk des Künstlers an sich. Genauso wie der Maler sein Bild malt.
Und auf der musikalischen Ebene geschieht so vieles nur noch elektronisch und somit hat der Künstler gar kein Produkt mehr, bei welchem es ihn freut, daran zu arbeiten und es am Ende zu präsentieren. Er braucht kein Booklet mehr, er braucht dies nicht mehr und das nicht mehr. Er hat im Prinzip nur noch die Musik im Internet. Das ist doch traurig, oder?

Louis: Ja. Und es ist so, wie ich es gesagt habe. Das haptische Element fehlt total. Ich finde es schön, etwas in der Hand zu halten. Ich mag es gerne, ein Booklet aufzuschlagen, und auch wenn da nur Schwachsinn steht oder wenn da nur ein einzelnens Foto zu sehen ist oder es kann auch leer sein und einfach nur durch eine bestimmte Farbe wirken... Aber es ist etwas Greifbares. Das ziehe ich immer vor und das wird auch immer so bleiben.
Gut - ich muss ganz ehrlich sagen, dass ich der Bequemlichkeit halber auch die Daten transferiere, sobald ich mir eine CD gekauft habe. Diese wird dann in MP3 umgewandelt und das wandert dann schön brav auf eine externe Festplatte, wo die Musik dann archiviert wird. Faulheit eben. Und das ist ein weiterer Aspekt, der zu diesen ganzen Download-Geschichten noch dazukommt. Man muss in keinen Laden mehr rennen. Man muss auch nicht mehr auf Seiten herumstöbern, bestellen und dann warten, bis es endlich da ist. Es ist sofort verfügbar. Kreditkartennummer, zack, bezahlt, und das Ding hab‘ ich.

Lucy: Ich habe neulich erst meine Nichte dabei erwischt, wie sie sich mit ihrer besten Freundin Musik austauschte von MP3-Stick zu MP3-Stick. Daraufhin nahm ich sie mir zur Seite und habe ihr erklärt, dass die Musiker die Musik nicht einfach nur umsonst machen, dass sie auch etwas verdienen müssen. Ein Bäcker würde ja auch seine Brötchen nicht einfach verschenken! Für die Musiker finde ich es so schade, dass alles so brotlos geworden ist, wo wir schon vom Bäcker sprechen!
Was meinst Du, wie motivieren sich Bands, die auch von der Musik leben müssen oder dies zumindest bisher gemacht haben, heutzutage dazu Musik zu machen, wenn man einmal bedenkt, dass viele sich Raubkopien ziehen und die Verkaufszahlen dadurch in großem Maße in den Keller drücken?

Louis: Das ist eine gute Frage und diese ist eigentlich gar nicht zu beantworten. Es ist die Liebe zur Musik selber und das kann man nicht in Worte fassen.
Ich mache Musik, weil es meine Art ist, meine Emotionen auszudrücken. Es ist auch meine Art, manchmal mit „musikalischer Hilfe“ mit Problemen fertig zu werden. Das klingt zwar doof, ist aber so. Musik machen hilft mir, mit mir selber auch besser klar zu kommen.
Und noch viel schöner ist es, wenn ich mich durch meine Musik mitteilen – und auch „teilen“ kann. Was gibt es schöneres als Teilen? Und das Feedback, was man dann bekommt, das ist Bezahlung ohne Ende! Und da vergisst man ganz schnell den finanziellen Aspekt dahinter. Es ist schön, wenn es klappt mit dem Geldverdienen. Aber gerade mit unserer Musik, also im Independent-Bereich, ist der Geldwert so weit hinten. Wir werden alle nicht reich davon! Und Popstars mit absoluter Sicherheit auch nicht.
Wir alle machen Musik für eine relativ kleine „Zielgruppe“.

Lucy: ... die in den letzten Jahren jedoch um einiges gewachsen ist.

Louis: Ja, glücklicherweise.

Lucy: Man braucht doch nur einmal das WGT zu betrachten. Vor 15 Jahren war das eine Party für 100, 200 Leute. Und heute sind es schätzungsweise 20000-25000.

Louis: Aber früher gab es auch noch das Domplattentreffen in Köln. Da kamen auch etliche Leute zu Pfingsten und bevölkerten den Platz neben dem Kölner Dom. Das WGT Leipzig wuchs und Domplatte ging nach unten. Das gesamte Volk fährt nun zu Pfingsten nach Leipzig...

Lucy: Welche Musik hörst Du Dir privat zu Hause an?

Louis: Eigentlich so ziemlich alles. Mit Ausnahme von akustischer Umweltverschmutzung a la „Hip-Hop“, „Rap“, R’n’B, Volksmusik - also volkstümlicher Musik. Da krieg ich Stellhaare schon allein bei dem Gedanken daran! Es ist einfach nur grauenvoll! Aber ansonsten eigentlich alles. Viel Klassik, sehr viel Weltmusik. Und außerdem versuche ich mich möglichst immer auf dem Laufenden zu halten, was unsere liebe Düsterecke angeht, da ist ja auch alles am Weiterentwickeln. Ich halte mich musikalisch für eigentlich offen.

Lucy: Und nenne mir einmal die drei CDs, die Du selbst zugelegt hast.

Louis: Ojemine! Das war in Paris. Den Namen von der ersten Kapelle, die ich nennen möchte, habe ich vergessen (Anm.: Die Combo heißt: The Evpatoria Report; die CD: Maar). Jedenfalls ist es eine Schweizer Gitarren-Indie-Rock-Kombo. Ganz langsames, schwerfälliges Zeug. Die zweite CD zweite war von „Laïs“ (Anm.: CD heißt: The Ladies‘ Second Song), das ist ein Mädels-Trio hier aus Belgien, welches auch in die Richtung Ethno-Folk-Pop geht; sehr schwierig einzuordnen. Und das dritte war, und jetzt muss ich mich outen: Meine heiß und innig geliebte Mylène Farmer, bei der ich auch nach nunmehr fast 20 Jahren immer noch schwach werde (Anm.: CD „Point de Suture“).

Lucy: Was sind Deine persönlichen Wünsche für die Zukunft?

Louis: Ich fange einfach mal mit Black Wedding an. Das Ding fängt gerade jetzt erst an zu gehen. Es ist noch ein Baby und eigentlich erst richtig geboren und jetzt steht es da, schaut mit großen Augen verwundert in die Welt und fragt sich: „Was soll aus mir werden?“ Ich möchte diesen eingeschlagen Weg gerne weitergehen und natürlich auch noch ausbauen, sprich: die elektronische Musik wie ich sie mache kombiniert mit den Einflüssen aus den Wave- und Folkbereich und historischen Quellen. Sei es nur in reiner Textform oder auch mit greifbaren Liedern. Ich denke da zum Besipiel an ein François-Villon-Album, so etwas wäre klasse. Das wäre richtig geil! Die Texte von François-Villon mit elektronischer Musik, da könnte man viel machen!
Was mich selbst betrifft, möchte ich mich musikalisch weiterbilden. Ich möchte besser werden und meine Instrumente noch besser beherrschen können. Ich möchte noch möglichst viel hören und noch möglichst viel aufnehmen. Also aufnehmen im Sinne von Absorbieren, Inhalieren, Einatmen. Privat bin ich eigentlich fast wunschlos glücklich. Ich habe eine tolle Frau. Wir unternehmen viel miteinander. Gerade auch reisen - und das möchte ich am liebsten die ganze Zeit! Und natürlich auch viele leckere Sachen essen...

Lucy: Und diese zu Hause auch nachkochen...

Louis: Jawohl!

Lucy und Louis lachen

Lucy: Und da wir gerade von „Zukunft“ sprechen: Wie wird denn Dein kommendes Schaffen in den nächsten Monaten aussehen?

Louis: Ich muss mir leider zunächst einmal einen Ersatz für Cissy, für Francisca suchen, da sie sich der Liebe wegen nach Amiland verabschiedet. Das macht mich sehr traurig. Trotzdem werden wir weiterhin miteinander arbeiten. Und das sind eben die positiven Aspekte am Internet. Ich kann ihr die Files zusenden, wenn sie etwas singen möchte. Ein Studio findet man überall und gerade sie als professionelle Sängerin wird da wohl wenig Probleme haben... Sie lebt ja schließlich auch davon, im Studio vor sich hin zu trällern... Also rein studio- und aufnahmetechnisch geht das mit uns mit Sicherheit weiter. Allerdings möchte ich auch live tätig werden. Ich möchte den ganzen Kram auch auf die Bühne bringen. Ich weiß, dass das geht. Und die Leute dazu zu finden ist einfacher als ich gedacht habe. Das schwierigste wird nun sein, eine Live-Sängerin zu finden.
Und dann zum Beispiel auch Musik wie das bereits erwähnte François-Villon-Ding zu machen. Oder thematisch den 30-jährigen Krieg aufgreifen, da wurde auch schon viel gemacht. Oder über die Bauernkriege aus dem 16. Jahrhunger. Ich hätte mit Sicherheit noch Stoff für die nächsten 120000 Jahre. Ein Leben reicht dafür nun wirklich nicht. Aber ich möchte Black Wedding eben noch ausbauen. Schließlich hat‘s gerade erst angefangen. Jetzt - in genau diesem Moment, mit eben diesen Sätzen, die hier gerade zu lesen sind - geht die Entwicklung um Black Wedding auch weiter.

Lucy: Ich könnte Dich noch stundenlang ausquetschen, aber irgendwann muss ja auch einmal wieder SCHLUSS sein. Was wolltest Du schon immer einmal loswerden? Vielleicht liegt Dir ja noch etwas auf dem Herzen für all die Leute da draußen?

Louis: Das ist eigentlich ganz einfach. Was ich jedem von Euch da draußen wünsche ist ein gerüttelt’ Maß an Toleranz und Aufgeschlossenheit! Das bezieht sich nicht nur auf die Musik, sondern auf das Leben. Denn nur der, der mit großen Ohren und großen Augen durch das Leben geht und somit Eindrücke sammelt, kann lernen und lernen ist schließlich geil! Man sollte damit niemals aufhören! Seid offen, geht aufeinander zu und davon habt ihr alle etwas! Und das ist totgeil!

Lucy: Ich bedanke mich für dieses äußerst nette und aufschlussreiche IV und wünsche mir von Herzen gern für Dich und Black Wedding, dass das Baby laufen lernt und irgendwann zum Jogger wird. Lucy lacht ...

Louis: Vielen Dank, vielen Dank, vielen Dank! Der Dank geht gleichermaßen an Dich und an Euch alle da draußen! Und mal sehen, was daraus wird!

Lucy: Also sind wir zuversichtlich und somit sage ich einfach mal ganz frech: Bis zum nächsten Mal ;)

Louis: Ja, bis zum nächsten Mal!

Lucy: Tschüß

Louis: Tschühüß!